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1 Yogi, Tänzer, Denker und Arzt Ein kurzes Buch über Yoga: Das Yoga-Sutra von Meister Patanjali Patanjala Yoga Sutram Ein Sutra ist ein kurzes Buch, das den wesentlichen Kern einer Sache präsentiert. Die Erklärungen wurden auf losen Blättern geschrieben oder geritzt. Diese Blätter wurden dann mit einigen Faden-Stichen fest verbunden. Das Yoga-Sutra gilt als die Urmutter aller Yoga-Bücher und wurde vor rund zweitausend Jahren von einem Meister des Yoga mit Namen Patanjali verfasst. Als herausragender Yogi beherrschte er natürlich alle physischen Yoga-Stellungen ebenso wie die Kunst des Atmens, also den ganzen Yoga des Körpers. Doch war er als ein großer Denker und Meditierender auch ein Meister des geistigen Yoga. Damit noch nicht genug, verfasste er sowohl Bücher über Medizin als auch über das Sanskrit, den Ursprung fast aller Sprachen. Zudem wird er als der Vater des klassischen indischen Tanzes angesehen. Tänzer, Mediziner, Yogi und Philosoph, wie passt das alles zusammen? Der Begriff Yoga hat, wie wir noch erkennen werden, vielfältige Bedeutungen. Eine davon ist die Zusammenführung der sogenannten Winde innerhalb unseres Körpers. Durch unseren Yoga, wenn wir darüber nachdenken und ihn verstehen, führen wir diese Winde zusammen und bringen sie zum Klingen. Diese Klänge sind der Ursprung aller Worte. Ihre Kraft lässt uns tanzen und andere heilen. Erster Eckpfeiler Das Kapitel Über Meditation 2 ES BEGINNT MIT DER MEDITATION Das Kapitel über Meditation Prathamah Samadhi Padah Das Yoga-Sutra hat vier Kapitel: vier Eckpfeiler, auf denen das Sutra steht, wie ein Tisch auf seinen vier Beinen. Das erste Kapitel beschreibt fünf kritische Phasen, die wir alle auf unserer spirituellen Reise durchlaufen. Eine solche Reise beginnt eigentlich immer mit schmerzhaften Erfahrungen: Wir erleben den Tod geliebter Menschen oder müssen mit ansehen, wie sie leiden. Wir träumen davon, sie zu befreien. Unsere Reise endet dann, wenn wir uns in eine heilige Person verwandeln, die tatsächlich in der Lage ist, allen zu helfen. Zwischen Anfang und Ende hat dieser Weg fünf Abschnitte: Fünf Stufen, jede leitet zur nächsten und ist von spezifischen Meilensteinen markiert. Es gibt allerdings nur eine Möglichkeit, von einer Stufe zur nächsten zu gelangen: In tiefer Meditation - und das will erlernt sein. So kommt es, dass das erste, das Kapitel über die fünf Stufen, das Kapitel der Meditation genannt wird. 3 In Demut I.1 Ich zeige Euch den Weg zur Vollständigkeit Atha Yoga-anushashanam. Eine andere Bedeutung von Yoga besteht darin, selbst zu einem Ganzen zu werden. Doch können wir nur vollständig werden, wenn wir in der Lage sind, auch die anderen bei ihrer Suche zu unterstützen: Sind wir ihnen eine Hilfe, wenn sie sich fragen, wie sie in diese Welt gelangt sind, wofür dieses Leben gut ist und ob es tatsächlich damit enden muss, alles zu verlieren? Aus diesem Grunde verfasste Meister Patanjali dieses kurze Buch. Direkt zu Beginn betont er die Relevanz des Buches. Dessen Inhalt sei für uns von entscheidender Bedeutung, wertvoll genug, um viele Stunden unseres Lebens dafür aufzubringen. Er gibt uns einen Überblick über das, was auch er nur von seinen weisen Lehrern gehört hat. Er meidet jeglichen Stolz: 'Nichts Neues habe ich zu berichten. Es gibt auch nichts, was ich selbst dazu erfunden hätte. Ich bin nur ein Behältnis für eine hunderte Jahre alte Weisheit, die ich wiederum an euch weitergebe. Sie ist geprüft, erprobt und unverfälscht.‘ Zudem verspricht er, dieses Buch zu verfassen. Natürlich hielten solche Meister ihre Versprechen ein. Wenn ein Buch tatsächlich nicht vollendet wurde, dann nur, weil der Schreiber während dessen verstorben war. Alle bedeutenden Schriften Indiens beginnen in dieser Weise. Durch einen so kraftvollen Anfang werden die Hindernisse auf dem Weg, den wir nun begehen, beseitigt. 4 VOLLSTÄNDIG WERDEN I.2 Zu einem Ganzen werden wir, wenn wir den Kreislauf der Gedanken beenden. Yogash chitta virtti nirodhah. Es mag sein, dass hier schon die wichtigsten Worte des gesamten Yoga-Sutra fallen. Der Meister berichtet von einer weiteren Bedeutung des Yoga: Die Vermeidung des “Großen Fehlers“. Was heißt das? Unsere Gedanken bewegen sich ständig in einem Kreis, in dem der Geist die tatsächliche Wahrnehmung der Welt verdreht. Ein Beispiel: Eine Mutter nimmt ihr Kind zum ersten Mal ins Kino mit. Auf der Filmleinwand wird ein niedlicher kleiner Hund von einem Mann gequält. Das Kind beginnt zu weinen. Es will den Bösewicht davon abhalten und läuft zur Leinwand, um auf den vermeidlichen Mann einzuschlagen. Natürlich hält es ihn damit nicht auf. Diese kindliche Reaktion hat auf diesen Mann nicht die geringste Auswirkung. Das Kind verletzt höchstens seine eigene Hand dabei. Den gleichen Fehler begehen wir, Tag für Tag, in jedem Augenblick. Diesen Fehler gilt es, zu beenden. Das ist Yoga. Alle schmerzhaften Erfahrungen sind tatsächliche Realität und lässt viele Menschen furchtbar leiden. Doch können wir dieses Leid nur beenden, wenn wir dessen Ursache nicht länger missverstehen. Und das lehrt uns das Yoga-Sutra. 5 DIE SEHENDEN I.3-4 An jenem Tag werden die Sehenden in ihrer wahren Natur verweilen. Wenn nicht, verbleiben sie im alten Kreislauf. Tada drashtuh svarupevasthanam. Virtti sarupyam itaratra. Der wichtigste Tag unserer spirituellen Reise ist der, an dem wir zum ersten Mal dem Großen Fehler ein Ende setzen. Wir hören damit auf, die Dinge in falscher Weise zu sehen. Das Kind stellt fest, dass der böse Mann auf der Leinwand nicht wirklich existiert. Das erste Mal dauert es nur einen kurzen Moment. Danach fallen wir zurück in unsere alten fehlerhaften Muster. Doch für einige Minuten erkennen wir, wie wir wirklich existieren: Wir verstehen, dass wir nicht das sind, für das wir uns immer gehalten haben. Diese wertvollen Minuten, unser erster Kontakt mit der tatsächlichen Wirklichkeit, werden deshalb als “Weg des Sehens“ bezeichnet. Nicht, weil wir etwas mit unseren Augen sehen, sondern es mit unserem Geist erkennen, in tiefer Meditation. Bis zum Tag dieser Erkenntnis folgt unser Leben jenem tragischen Fehler unseres Geistes. Wir verdrehen das Erlebte in ein falsches Bild. Bis das Kind versteht, wie die Dinge tatsächlich zusammenhängen, schlägt es auf den Mann auf der Leinwand ein und verletzt sich und seine Mutter dabei. 6 EIN TAG IM GEIST I.5-6 Der Geist bewegt sich auf fünf verschiedenen Arten. Sie können sowohl mit Geistesverwirrungen verbunden als auch frei davon sein. Die fünf sind: Korrekte und fehlerhafte Wahrnehmung, Phantasie, Schlaf und Erinnerungen. Virttayah panchatayyah klishta-aklishtah. Pramana viparyaya vikalpa nidra smirtayah. Es gibt viele verschiedene Arten, wie die Gedanken und Gefühle kreisen. Die alten indischen Schriften führen Hunderte von verschiedenen Funktionen unseres Geistes auf. Doch wählte der Meister davon nur fünf aus, weil wir uns immer in einer dieser Verfassungen befinden. Es ist so, dass wir im Verlaufe eines Tages die meiste Zeit unsere Welt korrekt wahrnehmen. (Es stimmt schon, dass ich mich vielleicht irre, wie ich existiere, aber nicht, dass ich existiere.) Manchmal jedoch haben wir eine fehlerhafte Wahrnehmung und fahren uns eine Beule ins Auto. Unsere Vorstellungskraft nutzen wir für unsere Pläne oder auch zum Tagträumen. Einen nicht unerheblichen Teil des Tages verbringen wir mit Schlafen. Und ständig berufen wir uns auf unsere Erinnerungen. Unsere geistige Verfassung wird manches Mal durch negative Gedanken verschleiert, Gedanken, die uns belasten und unglücklich machen. Der gravierendste negative Gedanke ist jener besagte Große Fehler. Das Ziel unseres Yoga ist nicht, alle Gedanken anzuhalten. Das wäre so, als ob wir das Kind gleich mit dem Badewasser ausschütten wollten. Wir haben nur vor, mit dem Fehler und allem Unglück, das er verursacht, Schluss machen. Wir wollen einen Geist haben, der klar, glücklich und voller Liebe ist. 7 RECHTE SICHT I.7 Die verschiedenen Arten der korrekten Wahrnehmung basieren entweder auf direkten Wahrnehmungen, auf Schlussfolgerungen oder aber auf Aussagen vertrauenswürdiger Personen. Pratyaksha-anumana-agamah pramanani. Fast alles, was wir erleben, sehen wir richtig. Selbst in den ersten wenigen Minuten, nachdem wir morgens aufgestanden sind, haben wir schon hunderte von korrekten Wahrnehmungen gehabt: Die Sonne scheint, da sind meine Socken, das Frühstück riecht gut... Richtige Wahrnehmungen sind sehr kraftvoll: Wenn wir etwas durch eine korrekte Wahrnehmung erkennen, dann können wir tatsächlich sagen, dass das Wahrgenommene existiert. Diese korrekten Wahrnehmungen können in drei verschiedenen Formen auftreten. Die meisten finden direkt statt: Ich sehe eine Farbe, ich höre ein Geräusch, ich rieche, schmecke oder berühre etwas. Unsere eigenen Gedanken zu hören ist auch eine direkte Form der richtigen Wahrnehmung. Die Schlussfolgerung allerdings ist eine andere Art der korrekten Wahrnehmung: Es kann sein, dass ich morgens meine Socken nicht sehe, wenn sie durch meine darüber liegende Hose verdeckt sind. Doch wenn ich weiß, dass ich sie gestern Abend dort hingelegt und keine nächtlichen Besucher hatte, dann ist es genauso sicher, als ob ich die Socken sehen würde. Die dritte Variante korrekter Wahrnehmung basiert auf einer vertrauenswürdigen Person: Ich bin im Schlafzimmer und kann die Küche nicht sehen. Meine Mutter teilt mir mit, dass noch etwas vom Frühstück übrig ist. Dann weiß ich tatsächlich, dass noch etwas da ist, weil meine Mutter eine ehrliche Person ist. 8 EIN BLATT AUF DER STRASSE I.8 Falsche Wahrnehmungen sind fehlerhafte Eindrücke, die sich als unwahre Erscheinungen manifestieren. Viparyayo mithya jnyanam atadrupa prathistham. Zwischen all den zahllosen korrekten Wahrnehmungen können wir auch etwas völlig falsch interpretieren. Ich fahre zum Beispiel in der Dämmerung eines windigen Herbsttages eine Strasse entlang und sehe plötzlich direkt vor meinem Auto eine Maus, die über die Straße huscht. Mit quietschenden Reifen kommt mein Wagen zum Stehen. Doch dann stelle ich fest, dass die “Maus” nur die unwahre Erscheinung einer Maus war. Tatsächlich war es nur ein welkes Blatt, das über die Strasse flog. Während meiner Weiterfahrt habe ich diese kurzzeitige Empfindung der Leere – die Maus ist weg, es hat sie sogar nie gegeben – gefolgt von so einem unterschwelligem Gefühl der Lächerlichkeit. Die Erkenntnis, dass auf einem bestimmten Niveau selbst unsere korrekten Wahrnehmungen falsch sind, ist von fundamentaler Bedeutung. Die Socken in meiner Hand sind zwar Socken - soweit ist das richtig. Doch tief im Herzen glaube ich, dass die Socken sich deswegen in meiner Hand befinden, weil ich sie besitze, weil ich sie in einem Laden gefunden und weil ich sie gekauft habe. All diese Ansichten über meine Socken sind völlig falsch. Denn solche Socken existieren nicht. Sie sind nicht echter als der Mann im Film. Diese Annahmen bilden den Großen Fehler, eine verfälschte Wahrnehmung, die alles Leid der Welt verursacht. 9 DIE BILDER IM GEIST I.9-11 Die Phantasie ist ein geistiger Eindruck, der dem Worte folgt, aber jeglicher konkreter Basis entbehrt. Der Schlaf ist ein Fall, in dem der Geist sich regt, ohne einen äußeren Grund dafür zu haben. Und die Erinnerung ist die Fähigkeit, etwas, das man erlebt hat, nicht zu vergessen. Shabda jnyaya-anupati vastu shunyo vikalpah. Abhava pratyaya vishaya-asampramoshah smirtih. Wenn wir ein Abendessen planen, sehen wir vor unserem geistigen Auge bereits das vollendete Mahl, obwohl es zu diesem Zeitpunkt keiner konkreten Tatsache entspricht. Allein der Ausspruch: “Was gibt's zum Abendessen?” regt dieses Bild in unserer Vorstellung an. Die meisten unserer Wahrnehmungen während eines Tages werden von einem äußeren Objekt ausgelöst: Der Eindruck eines Apfels wurde auch durch einen Apfel angeregt, hängt also von dem äußeren Objekt ab. Im Schlaf oder Traum jedoch gibt es kein äußeres Objekt. Trotzdem agiert der Geist weiter, er bewegt sich auf einer tieferen Ebene. Auch wenn wir uns an etwas erinnern, gibt es kein äußeres Objekt, sondern nur ein vages Bild im Geist, wie eine kurze Notiz, damit wir uns an etwas erinnern. Und so wandelt unser Geist im Verlauf eines Tages auf den Wegen zwischen verschiedenen äußeren Objekten, inneren Bildern und Gedanken. Doch bis wir diese Zusammenhänge tatsächlich verstehen und begreifen, was Yoga wirklich bedeutet, so lange wird jede einzelne unserer Wahrnehmungen und Vorstellungen von dem Großen Fehler infiziert sein. Gefühle, heftige Gefühle, entstehen wegen der Umstände, die wir meinen zu sehen – und das Kind schlägt seine Faust gegen den bösen Mann auf der Leinwand. 10 DEM AUSGANG NÄHER KOMMEN I.12-13 Um das zu beenden, bedarf es steter Praxis und dem Aufgeben von Anhaftungen. Stete Praxis bedeutet danach zu streben, dort zu sein. Abhyasa vairagyabhyam tan nirodhah. Tatra sthitau yatnobhyasah. Um den Großen Fehler zu beenden, ist es notwendig, uns nach und nach durch alle fünf Stufen zu arbeiten. Die erste Stufe erreichen wir dadurch, dass wir uns von unseren Anhaftungen lösen. Das wiederum bedarf regelmäßiger Praxis. “Regelmäßige Praxis” bedeutet hier die Bereitschaft, die eigene Bestimmung in ihrer Vollkommenheit erreichen zu wollen. Stellt Euch einen Geistes-Zustand vor, der jenseits aller Fehler ist, die wir zur Zeit fabrizieren. Einfach gesagt: Um unser Potential zu verwirklichen, brauchen wir eine starke Motivation, um die dafür notwendigen Anstrengungen zu bewältigen. Irgendwann in unserem Leben überkommt uns diese Motivation. Meistens wird sie durch ein persönliches Unglück ausgelöst: Die von uns am meisten geliebte Person stirbt, verlässt uns oder wir stellen fest, dass wir an Krebs erkrankt sind. Es ist alles das, was uns aufrüttelt und uns darauf aufmerksam macht, was uns tatsächlich wichtig ist. Menschen leiden und wir wollen ihnen helfen, den Schmerz zu beseitigen. Unsere Bestimmung ist es, der rettende Engel zu sein. Wir beginnen mit unserer täglichen inneren Praxis. Sie beinhaltet stets drei wesentliche Elemente: Die Achtsamkeit, niemals anderen zu schaden; das Erlernen des Gebetes und der Meditation und die Beharrlichkeit, die Frage nach der wirklichen Herkunft unserer Welt weiter zu untersuchen. 11 DIE KRAFT DER TÄGLICHEN ÜBUNG I.14 Unbedingt notwendig ist es, die eigene Praxis über einen längeren Zeitraum zu kultivieren: Sie muss regelmäßig, ohne Lücken, und korrekt ausgeführt werden, damit eine solide Basis gelegt werden kann. Sa tu dirgha kala nairantarya satkara-asevito dirdha bhumih. Den eigenen Geist, das eigene Herz, zu wandeln ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Eine solche Veränderung ist eine größere Herausforderung als Erziehung, Beruf oder Familie. Sie braucht viel Zeit. Diese Zeit müssen wir ihr geben, ganz gleich, wie lange es dauern mag. Ihr Aufwand ist täglich notwendig: Unsere Praxis sollte ein selbstverständlicher Teil unseres Tages sein, ebenso wichtig wie essen, arbeiten oder schlafen. Unser Geist ist unendlich kraftvoll. Wir sind in der Lage, alles zu meistern, solange wir ihm ein oder zwei Stunden täglicher Praxis widmen - aber jeden Tag. Bekanntermaßen gibt es sowohl richtige als auch falsche Wege, um ein Auto zu reparieren. Wenn man selbst versucht, einen Wagen zu reparieren, ohne sich damit aus zu kennen, kann das schlimme Folgen haben. Mit der Reparatur von Herz und Geist verhält es sich nicht anders. Es ist wichtig, dass wir wissen, was wir tun. Dafür benötigen wir klare und verständliche Anleitungen von denjenigen, die es selbst schon umgesetzt haben. Das Erlernen einer effektiven täglichen Praxis, schafft eine solide Grundlage, um die erste der fünf Stufen zu betreten. 12 UNSER FESTHALTEN AN DER ABLENKUNG I.15 Das Aufgeben der Anhaftung besteht im Entschluss, die Kontrolle über das Verlangen nach sicht- oder hörbaren Erlebnissen zu gewinnen. Drishta-anushravika vishaya vitirshnasya vashikara sanjnya vairagyam. Jeder von uns kann und wird die Welt retten. Das ist unsere Bestimmung. Im tiefsten Inneren wissen wir das längst. Es ist der wahre Grund unseres Daseins. Eigentlich träumen wir sogar ständig davon. Das ist der Grund, warum all die Romane und Filme der menschlichen Kultur Helden haben, die uns retten. Wir selbst wollen die Helden sein. Wir betreten die erste der fünf Stufen. Sie wird “die Stufe der Ansammlung“ genannt. Es bedeutet, genügend Güte und Kraft anzusammeln, um uns selbst und unsere Welt zu ändern. Es ist die Entscheidung, nicht länger das Leid erleben zu müssen. Zu diesem Zeitpunkt werden wir keine Zeit mehr für bedeutungslose Zerstreuungen vergeuden wollen. Wir vereinfachen unser Leben und konzentrieren uns darauf, was uns wirklich wichtig ist. Keine Zeit mehr, um nur noch zu arbeiten, essen, schlafen und sterben. Keine Zeit mehr, um in Zeitungen und Fernsehen zu erfahren, wie andere ihr Leben verschwendet haben. 13 UNSERE ANHAFTUNG AN VORSTELLUNGEN I.16 In ihrer höchsten Form wird die Freiheit von Anhaftungen an feste Objekte durch jemanden gewonnen, dem sich die wahre Natur der Person offenbart hat. Tat param purusha khyater guna vaitirshnyam. Wenn wir mit dem Flugzeug fliegen, pflegen wir uns mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, dem Essen, dem Film und der Person neben uns. Sackt der Flieger plötzlich ab, sind diese Kleinigkeiten schnell vergessen. Statt dessen denken wir an das Sterben, über das, was wir mit unserem Leben getan haben und was uns wohl passieren wird, wenn wir gestorben sind. Wir können (und werden) jederzeit sterben, sogar im gemütlichen Sessel zuhause. Der Flieger stürzt ständig ab. Natürlich ist es in Ordnung, das Leben zu genießen. Wir sollten es sogar genießen. Doch ist es ebenso wichtig, sich an den Anstrengungen zu erfreuen, des Lebens tiefere Bedeutung herauszufinden und sich nicht in kleinlichen Zerstreuungen und Anhaftungen völlig zu verlieren. Die schlimmste Anhaftung besteht aus der Vorstellung, dass unser Umfeld aus sich heraus existiert, in dem Sinne, dass es unabhängig davon besteht, wie ich selbst mein Leben führe. Auf der zweiten Stufe unseres Weges fangen wir an, diese falsche Ansicht zu durchschauen: Auf der “Stufe der Vorbereitung“. Hier verstehen wir, wenn auch erst nur theoretisch, dass unsere wahre Natur und die unserer Umwelt tatsächlich darin besteht, dass alles davon abhängt, wie wir andere behandeln. 14 DIE FALLEN IN DER MEDITATION I.17 Nichts, weder das Reflektieren, tiefe Glücksgefühle noch das in sich Selbst-Versunken-Sein sind wirklich bewusstes Handeln, und sie führen nur zur Form. Vitarka vichara-ananda-asmita rupa-anugamat samprajnyatah. Auf der Stufe der Vorbereitung beginnen wir damit, ernsthaft zu meditieren, um die wahre Natur unserer Welt zu erkennen. Die westliche Kultur ist jedoch noch unerfahren in der Kunst der Meditation. Es gibt hunderte von verschiedenen Formen der Meditation. Einige davon sind allerdings nur eine kurzfristige Flucht. Doch Meditation ist ein ernst zu nehmendes Werkzeug. Wir benötigen es, um uns selbst und die Welt um uns bleibend zu heilen. Jemand, der die Meditation nur benutzt, um sich gut zu fühlen, gleicht einem Chirurgen, der das Betäubungsmittel selbst einnimmt und den Patienten sterbend auf dem Operationstisch liegen lässt. Es gibt vier Arten der Meditation, die uns nach dem Tod an einen recht nutzlosen Ort führen, der sogenannten Welt der Form. Auf der anderen Seite aber, können einige dieser Meditationen, wenn sie ohne den Großen Fehler ausgeführt werden, lebensrettend sein. Sich durch diese vier Arten der Meditation zu bewegen, gleicht dem Zuhören des eigenen Lieblingsliedes. Zuerst bemerkt man nur, dass das Stück gespielt wird. Dann entdeckt man die Schönheit sowohl der Musik als auch der Worte. Dann überkommt uns ein tiefes Glücksgefühl und letztlich verlieren wir uns völlig in dem Lied, jenseits von allem. 15 MINEN, DIE NIE EXPLODIEREN I.18-19 Diese Art (der Meditation), in der man immer noch unreife Saat trägt, doch wo —wegen vorangegangener Praxis— der Faktor schon unterdrückt wird, das ist die andere Art. Doch jene, die in der alten Gewohnheit verbleiben, in dem Faktor des Werdens, werden wieder den gleichen groben Körper annehmen. Virama pratyaya-abhyasa purvah sanskara sheshonya. Bhava pratyaya videha prakirti layanam. Wir haben Millionen von Samen in unserem Geist angesammelt. Aufgrund der Sorge für unsere Mitmenschen zum einen oder deren Missachtung zum anderen haben wir diese Saat in unseren Geist gesetzt. Wenn die Zeit gekommen ist, keimen die einzelnen Samen. Sie reifen ungefähr in der Geschwindigkeit einzelner Bilder eines Filmstreifens. Und wir schauen uns dann an, wie der sich Fluss unseres Lebens entfaltet. Die Samen, die noch nicht gesprossen sind, werden “unreife” Saat genannt. Der Faktor, der die schädlichen Samen zur Reife bringt, ist jene falsche Sicht der Dinge. Wenn wir gut praktizieren, wenn wir also die Fallen der Meditation vermeiden und unsere Meditation in dieser anderen, der richtigen, Form, nutzen, können wir verhindern, dass die schadhafte Saat jemals aufgeht. Selbst der Tod ist die Reifung eines schlechten Samens. Der Körper altert nur, weil diese ungute Saat reifen kann. Hierin liegt das Geheimnis des Wassers des Lebens. Wenn schlechte Samen sprießen, nennen wir das “werden”. Dieses Werden wird durch das Innehalten in unserer alten Geisteshaltung angeregt, die Welt in falscher Weise zu verstehen. Diese Art von Samen verursachen in erster Linie unseren sterblichen Körper. Das können wir ändern - wenn wir die Samen verändern. 16 DIE FÜNF KRÄFTE I.20 Die anderen müssen zuerst Vertrauen, Anstrengung, Achtsamkeit, Meditation und Weisheit anwenden. Shraddha virya smirti samadhi prajnya purvaka itaresham. Wir wollen die “andere Form” von Meditation und Praxis anwenden und zu denjenigen gehören, die jenseits von Fleisch und Blut gehen können. Um das zu tun, benötigen wir die Fünf Kräfte: Fünf verschiedene geistige Fähigkeiten, die uns auf unseren Weg der Vorbereitung beschleunigen. Die erste Kraft ist Vertrauen. Es handelt sich allerdings nicht um blinden Glauben, sondern vielmehr um eine tiefe Zuneigung für die Schönheiten des spirituellen Lebens. Wir vertrauen, wenn wir erst einmal von dessen Potential gehört und verstanden haben, dass wir selbst Vollkommenheit erreichen können. Die Anstrengung kommt dann ganz von allein: Einmal auf den Geschmack von Schokoladen-Keksen gekommen, betreibt man gerne einigen Aufwand, um mehr davon zu bekommen. Spirituelle Anstrengung heißt, Spaß daran zu haben, den anderen Gutes zu tun. Auf der einen Ebene bedeutet Achtsamkeit, präsent zu sein: Hier, im Jetzt, zu sein und nicht gefangen in dem, was bereits geschehen ist oder vielleicht passieren könnte. Andererseits bedeutet es, darauf zu achten, dass das, was wir tun, sagen oder denken, ehrenwert ist. Die höchste Form der Achtsamkeit ist es, unseren Geist darauf zu richten, woher das, was uns geschieht, wirklich kommt. Meditation ist die Fähigkeit, in tiefer Versenkung unsere Gedanken auf diese Frage zu richten. Innerhalb der Meditation diese Frage zu stellen bedeutet Weisheit. 17 DIE VIER PHASEN I.21-22 Das Ziel wird durch jene erreicht, die mit völliger Hingabe und Dringlichkeit handeln. Desweiteren gibt es eine Unterscheidung zwischen dem Geringeren, Mittleren und dem Höchsten. Tivra samveganam asannah. Mirdu madhya-adhimatratvat tatopi visheshah. Wenn das Kind in ein Feuer fiele, würde seine Mutter sehr schnell reagieren. Doch die Menschen mit einem ganz normalen Leben auf dieser Welt sind noch viel mehr in Gefahr als dieses Kind. Auf der Stufe der Vorbereitung durchlaufen wir vier Phasen, die uns auf die nächste Stufe vorbereiten, den alles entscheidenden Weg der Erkenntnis. Diese vier werden Wärme, Gipfel, Meisterschaft und Das Höchste von Allem genannt. Unsere fünf spirituellen Fähigkeiten entwickeln sich in jeder Phase zu einer höheren Qualität. Sie wandeln sich von den Fünf Kräften in die Fünf Gipfel, dann in die Fünf Meisterschaften und schließlich in die Fünf Höchsten Objekte. Diese vier Phasen sind ein stetig wachsendes Durchschauen des Großen Fehlers, ein größer werdendes Verständnis, wie sich unsere Welt zusammensetzt. Sie beginnen mit der Annahme, dass die Elemente unserer Umwelt von uns selbst stammen könnten. Die Phasen enden, wenn wir dieses Verständnis verinnerlicht haben. Eine Person, die sich am Ende der vierten Phase befindet, mag gerade einen Wasserkessel betrachten, der auf dem Herd steht. Plötzlich begreift sie, dass sie nur ein Abbild des Kessels sieht, das gar nicht perfekt sein kann. Denn die Augen denken schließlich nicht. Sie sehen nur einen silbrigen Kreis. 18 DER MEISTER I.23-24 Ein anderer Weg besteht darin, den Meister um seinen Segen zu bitten. Ein Meister ist eine außergewöhnliche Person, die in ihren Handlungen, durch das Reifen und die Ansammlung ihrer Taten völlig unberührt von Geistesgiften bleibt. Ishvara pranidhanad va. Klesha karma vipaka-ashayair aparamirshtah purusha vishesha ishvara. Es kann eine lange Zeit benötigen, um die Fünf Kräfte bis zu diesem Moment der Betrachtung des Wasserkessels zu entwickeln. Ein anderer Weg besteht darin, einfach die außergewöhnliche Kraft zu nutzen, die durch die direkte Verbindung zu einem Meister ensteht. Ein lebendiger Meister oder eine Meisterin hat diese Erfahrungen schon durchlaufen und kann sie uns daher auch weitergeben. Es gibt Lehren, die man nicht von den toten Seiten eines Buches oder den Programmen eines Computers lernen kann. Daher ist es notwendig, einen persönlichen Meister zu finden. Ihn oder sie zu finden ist eine Kunst und braucht Zeit. Halte nach einer Person Ausschau, die wirklich versteht, woher unsere Welt stammt. Dieses Wissen macht sie zu einer sanftmütigen und edlen Persönlichkeit, denn dadurch - und nur dadurch – können die negativen Gedanken, wie Wut zum Beispiel, für immer beendet werden. Keine Wut, kein Verletzen anderer. Keine Verletzung, keine neuerliche schlechte Saat im Geist. Das Verständnis bewirkt, dass die vorab im Geist gelagerten Minen niemals explodieren können. Suche daher nach einer Person, die bereits verstanden hat. 19 ANDEREN DIENEN I.25-26 Hierin liegt, in ihrer wertvollsten Form, die Saat für die Allwissenheit. Diese Lehrer sind diejenigen, von denen jene der vergangenen Tage sich niemals erlaubt hätten, auch nur für eine kurze Zeit, von ihnen getrennt gewesen zu sein. Tatra niratishayam sarvajnya bijam. Sa purvesham api guruh kalena-anavachedat. Unsere Umwelt ist das Ergebnis der in unserem Geist gelagerten Samen. Genau so verhält es sich mit den Menschen. In der gleichen Weise schaffen wir uns auch unseren spirituellen Meister. Doch es grenzt schon an ein Wunder, wenn man einen wirklich qualifizierten Lehrer oder Lehrerin findet und dann noch die Möglichkeit hat, sich ihnen ganz zur Verfügung zu stellen. Auch in diesem Falle ist damit kein blinder Glaube gemeint. Mit offenen Augen, nach einer sorgfältigen Prüfung auch ihrer menschlichen Schwächen (die wieder von uns selbst geschaffen wurden), ist es uns eine Freude, eng mit einem spirituellen Lehrer zu arbeiten und sich ihnen und ihrer segensreichen Arbeit zu verpflichten. Es gibt keine bessere Möglichkeit, den Samen dafür zu säen, um selbst eine vollkommene, erleuchtete Person zu werden, die tatsächlich fähig ist, allen Wesen zu helfen. Die Verbindung zwischen uns und unseren spirituellen Freunden ist die schönste und wertvollste Beziehung, derer wir uns je erfreuen können. Denn dadurch werden wir in der Lage sein, vielen zu helfen. Aus dem gleichen Grund kann diese Verbindung auf der anderen Seite große Hindernisse hervorrufen: Je machtvoller das Gute ist, umso größer sind auch die möglichen negativen Kräfte. Bleibt so nah wie möglich bei Eurem Meister und anderen liebenden Menschen. Deren Güte wird auf uns abfärben. 20 DAS ERHABENSTE ALLER GEBETE I.27-29 Sie anzurufen ist das Höchste von allen Gebeten. Dies musst Du wiederholen und über dessen Bedeutung reflektieren. Damit wirst Du die Fähigkeit erreichen, den Geist zu bündeln und alle Hindernisse zu vermeiden. Tasya vachakah pranavah. Taj japas tad artha bhavanam. Tatah pratyak chetana- adhigamopyantaraya-abhavash cha. Diese Zeilen sprechen über das Mantra. Ein Mantra ist ein kurzes, essenzielles Gebet, dass Deine Träume wahr werden lässt. Mantras funktionieren allerdings nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Das Mantra muss von einer heiligen Person stammen und diejenige, die es spricht, jemand sein, der oder die wahrhaftig gütig zu anderen ist. Es gibt zahllose Arten von Mantras und Gebeten. Das höchste Gebet besteht daraus, einfach die eigenen Meister um Hilfe zu bitten. Es reicht sogar schon, nur leise im Verlauf des Tages ihren Namen auszusprechen. Wichtig ist dabei, dass wir uns darauf konzentrieren, auf welche Weise die Lehrer uns unterstützen können. Wir wollen lernen, anderen zu helfen. Die Wiederholung des essenziellen Gebetes hält den Geist fokussiert und weniger von der Außenwelt eingenommen. Wegen der besonderen Kraft der aufrichtigen Wertschätzung und gegenseitigem Engagement von spirituellem Lehrer und Schüler werden alle Hindernisse nur so dahin schmelzen. Wenn Du magst, kannst Du das Wort “Om” vor Deines Meisters Namen setzen, wenn Du ihn wiederholst. Dieser segensreiche Klang besteht aus drei Teilen und repräsentiert die vollkommen reinen Taten, Worte und Gedanken. Diese nutzen wir, um auch die anderen zu unterstützen, das Ende der fünf Stufen zu erreichen. 21 ANFÄNGLICHE HINDERNISSE I.30a Hindernisse erscheinen dann, wenn der Geist abgelenkt ist. Das kann durch Krankheit, Unklarheit im Geist, Zweifel, Nachlässigkeit und Trägheit verursacht werden… Vyadhi styana sanshaya pramada-alasya avirati bhranti darshana-alabdha bhumikatva-anavasthitatvani chitta vikshepas tentarayah. Wir haben zu viel zu tun, zu viel, um darüber auch noch nach zu denken. Unser Tagesablauf unterliegt zwar unserer eigenen Entscheidung, doch wird unsere Situation es unter bestimmten Bedingungen schlimmer. Nun folgt eine Liste der hauptsächlichen Hindernisse, die einer geistigen Entwicklung im Wege stehen. Krankheit ist offensichtlich ein Hindernis, kann aber auch für eine erfüllende Praxis genutzt werden. Es regt uns dazu an, daran zu arbeiten, was uns wirklich wichtig ist. Es macht uns bescheidener und mitfühlender mit denen, die Probleme haben. Geistige Unklarheit oder Dumpfheit kommt zum Beispiel von fehlendem Schlaf oder zu vielem Essen. In unserer Gesellschaft haben wir eine gewisse Gefräßigkeit etabliert. Dann haben wir diesen Begriff aus unserem Vokabular gestrichen. Doch es hält unseren Geist davon ab, schnell und klar zu operieren. Falsch ausgeführte Meditation lässt uns im Unklaren. Wirkliche Meditation dagegen gibt uns einen strahlenden, klaren und starken Geist. Dieser ermöglicht uns, alles andere zu bewältigen, vom Abwasch, dem Computer bis hin zur absoluten Wirklichkeit. Spirituelle Ideen kritisch zu betrachten ist äußerst nützlich. Zweifel allerdings, der sich darin äußert, sich vor der Anstrengung zu drücken, das Leben zu verstehen, ist nicht hilfreich. Nachlässigkeit bedeutet hier, sich nicht bewusst zu bleiben, wie unsere Handlungen uns und andere beeinflussen. Alkohol und Drogen sind hervorragend dafür geeignet, um Nachlässigkeit zu kultivieren. Und es ist Trägheit, wenn wir uns einfach nicht danach fühlen, etwas in die Tat umzusetzen, von dem wir wissen, dass es gut und hilfreich für alle wäre. 22 DIE ENTSCHEIDENDEN HINDERNISSE I.30b …und durch die falsche Sicht der Welt. Wenn diese unverbessert bleibt werden bestimmte Stufen nicht erreicht oder nicht sicher etabliert. Wie wir die Welt verstehen, unsere “Weltsicht“, ist letztlich das Entscheidende, ob wir weiterhin leiden oder wirkliches Glück finden. Sogar eine ganze Zivilisation kann für viele Jahre in einer falschen Weltsicht gefangen sein. Tausende von Jahren haben intelligente Menschen geglaubt, die Welt sei flach. Und auch die mutigen, demokratisch-orientierten Gründer der Vereinigten Staaten hielten Menschen als Sklaven und glaubten, sie wären Tiere und keine menschlichen Wesen. Unsere heutige Kultur hat ihre eigenen, fehlerhaften Ansichten mit gravierender Auswirkung. Diese verursachen jeglichen Hunger, Armut, Krankheit und Krieg in der Welt. Wenn also die Weltsicht unserer Gesellschaft allen Schmerz anderer und den von uns selbst verursacht, dann sollten wir uns doch nach einer besseren umschauen, nach einer, die funktioniert. Wenn sie aber nicht funktioniert, können wir nicht einfach damit fortfahren, was wir als Kinder gelernt haben. Es spielt keine Rolle, ob wir es von unseren Eltern, in der Schule, Kirche oder durch unsere Regierung gelernt haben. Wahres Yoga ist die Suche nach einer Weltsicht, die wirklich so funktioniert, dass die Menschen glücklich sind. Es gibt bestimmte Stufen auf unserem Weg, wo wir für immer solche Hindernisse, wie Zweifel zum Beispiel, auslöschen. Daher ist es so wichtig, diese Ebenen kennen zu lernen, zu erreichen und dort zu verbleiben. 23 INNERE UND ÄUßERE METHODEN I.31 Der Geist fliegt fort und damit kommt der Schmerz in den Körper: Unglückliche Gedanken, Zittern in den Händen und anderen Teilen unseres Körpers. Während des Ein- und Ausströmens fällt der Atem aus seinem Rhythmus. Duhkha daurmanasya angam ejayatva shvasa prashvasa vikshepa sahabhuvah. Yoga ist die Vereinigung der inneren und äußeren Übungen, um vollkommene Reinheit zu erreichen. Diese Vereinigung besteht aus der Zusammenführung unseres physischen, äußeren und unseres geistigen, inneren Körpers. Dein gesamtes Wesen besteht aus Schichten, wie bei einer Zwiebel. Die äußerste Lage ist der grobe physische Körper. Die nächste, darunter liegende Schicht, ernährt die äußere: Es ist der Atem. Er ist unsere wichtigste ”Nahrung”. Diese Atem-Lage ist wiederum mit einer Schicht subtiler physischer Energie, genannt prana oder die “inneren Winde”, verbunden. Diese Winde fließen in der nächsten Schicht durch unseren Körper. Es ist ein Netzwerk kleinster Röhren und Kanäle, noch subtiler als Licht. Auf den Winden in diesen Kanälen bewegen sich unsere Gedanken selbst, die innerste Schicht. Sie bewegen sich auf den Winden fort, wie ein Reiter auf seinem Pferd. Das ist der faszinierenste Übergang, der Übergang zwischen Geist und Körper. Negativ ausgedrückt, beeinflussen die Probleme der einen Zwiebel-Schicht alle anderen Schichten. Wenn unsere Gedanken unruhig sind, stört das die inneren Winde, auf denen sie sich fortbewegen. Das wiederum bringt den Atem durcheinander. Nervosität und Zittern sind die Folge. Letztendlich verursacht das physische Krankheiten wie Geschwüre oder Herzprobleme. Das wiederum löst eine Folge unglücklicher Gedanken aus. Es ist eine fortlaufende Abwärtsspirale. Die äußeren Übungen und inneren Meditationen kehren diesen Kreislauf um. 24 DIE VIER UNERMESSLICHEN GEDANKEN I.32-33a Wenn Du diese Hindernisse beenden willst, gibt es dafür eine entscheidende Praxis: Es funktioniert nur mit liebender Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Halte Deine Gefühle im Gleichgewicht, ganz gleich, ob sich etwas angenehm anfühlt oder schmerzt, ob es erfreulich oder unangenehm ist... Tat pratisheda-artham eka tattva abhyasah. Maitri karuna muditopekshanam sukha duhkha punya-apunya vishayanam… Es gibt eine entscheidende Praxis, um alle Hindernisse zu beenden. Es sind die “Vier Unermesslichen Gedanken“. Sie werden als ”unermesslich” bezeichnet, weil wir letztlich in einem einzigen Augenblick auf eine unermesslich große Anzahl von Lebewesen in unermesslich vielen Welten mit unseren Augen voll mit unermesslicher Liebe schauen. Unermessliche Güte ist das Bedürfnis, allen Wesen Glück zu bringen. Es bedeutet, sich dafür zu entscheiden, selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen, auch ohne jegliche Unterstützung von anderen. Unermessliches Mitgefühl entspricht der Entscheidung, sämtlichen Schmerz von allen nehmen, wenn nötig, nur allein durch meine Handlungen. Unermessliche Freude besteht in dem Entschluss, allen Lebewesen zu einer höheren Form des Glücks zu verhelfen. Eine Tasse Kaffee oder Kakao macht fast jeden froh. Doch wir sind nicht wirklich glücklich, solange wir nicht tatsächlich anderen helfen und uns dem Wohlergehen zahlloser Menschen widmen können. Unermesslicher Gleichmut bedeutet, sich zu entschließen, jedem in dieser Weise zu helfen, nicht nur unseren Freunden oder Familien. Gleichmut beginnt damit, extreme Gefühle zu vermeiden. Wir werden nicht nur glücklich sein, wenn es uns wohl ergeht und nicht vollkommen unglücklich, wenn es uns nicht gut geht. Das heißt, wir lassen uns durch unser Befinden nicht völlig aus dem Gleichgewicht und von unserem Weg abbringen. Doch natürlich wollen und werden wir allem Schmerz entfliehen und alles Glück erreichen und daher werden wir auch jetzt mit aller Kraft danach streben. 25 STRAHLEND UND KLAR I.33b-35 …Diese Praxis macht den Geist strahlend und klar wie reines Wasser. Sie hat den gleichen Effekt, wie den Wind des Atems frei zu lassen und dann einzubehalten. Auch hilft sie dabei, unsere Neigung zu kontrollieren, ständig Gedanken über äußere Objekte der Wahrnehmung aufkommen zu lassen. …bhavanatash chitta prasadanam. Prachardana vidharanabhyam va pranasya. Vishayavati va pravirttir utpanna manasah sthiti nibhandani. Die tägliche Meditation über die Vier Unermesslichen Gedanken wird unser ganzes Leben verändern. Sie gibt dem Leben eine wirkliche und anhaltende Bedeutung. Essen, Geld verdienen und wieder ausgeben, sich für ein Haus abrackern, das man später doch abgeben muss, der langsame Abgang zu einem schwächlichen Alter und zum Tod sind sicherlich nicht das, was wir mit unserem Leben geplant hatten. Tief im Herzen ist uns das klar. Das ist der Grund, warum sich unser Geist so strahlend und klar anfühlt, wenn wir jemanden davon reden hören, dass unser wirklicher Lebensinhalt darin besteht, sich für das Wohl anderer zu engagieren. Es handelt sich allerdings nicht um Hilfe, die schnell aufgebraucht ist und entschwindet. Wir haben ein viel größeres Potential. Die physischen Yoga-Übungen und die damit einhergehenden Atem-Techniken öffnen die subtilen inneren Kanäle. Doch weil es die Gedanken selbst sind, die sich in diesen Kanälen bewegen, können wir die angestrebten Resultate viel schneller und leichter erreichen. Wir brauchen nur diese edelsten vier aller Gedanken denken. Selten kümmern wir uns darum, was die anderen sich wünschen oder benötigen. Doch wenn wir es tun, stellen wir bald fest, dass wir von den begrenzenden Zwängen befreit sind. Wir sind frei von den ständigen Zwängen nach dem Größeren und Besseren, sei es Kleidung, Essen, Geld oder Ruhm. 26 FREIHEIT VON SELBSTBEZOGENHEIT I.36-37 Auch macht es Dein Herz sorgenfrei und leuchtend wie das Licht der Sterne. Und es befreit den Geist davon, ständig etwas haben zu müssen. Vishoka va jyotishmati. Vita raga vishayam va chittam. Die Vier Unermesslichen Gedanken lösen am Ende grenzenlose Liebe aus. Diese Liebe beginnt, wenn ich ernsthaft davon überzeugt bin, dass es für jeden Normalsterblichen möglich ist, in Zukunft zahllose Menschen in einem einzigen Moment zu unterstützen. Diese Überzeugung bedarf viel Nachdenkens und der Praxis. Für eine Zeit lang, selbst nach vieler Übung noch, ist diese Liebe nur ein Konzept. Aber sie wird kontinuierlich intensiver und kraftvoller und findet eines Tages ihren Höhepunkt in der absoluten Liebe. Das ist ein anderes Gefühl als das, was wir normalerweise für Liebe halten. Bei fast allen Menschen sind die inneren Kanäle verschlungen und blockiert. Beim ersten Moment der absoluten Liebe befreien sich die inneren Winde im Herzen in Form von Kristall-farbenem Licht. Das physische Yoga wurde dafür geschaffen, das zu unterstützen. Wenn es passiert, sehen wir für einen kurzen Moment tatsächlich das Gesicht eines jeden Lebewesens auch auf allen anderen Planeten. Und in diesem Moment sehen wir ebenso, dass wir jede Stunde unseres restlichen Lebens, und auch zukünftiger Leben, für jedes einzelne dieser Wesen sorgen werden. Für immer sind wir frei von Selbstbezogenheit und auch davon, nach etwas Geringerem zu streben, als nach dieser Liebe. 27 DIE TIEFEREN KRÄFTE I.38-40 Mehr noch, es befähigt Dich, im Schlaf, in Deinen Träumen, bewusst zu sein. Es lässt Dich die gleichen Höhen erreichen, wie es Dir sonst nur die intensive Meditation ermöglicht. Du gewinnst Meisterschaft über die kleinsten Atome und die Galaxien ebenso. Svapna nidra jnyana-alambanam va. Yatha-abhimata dhyanad va. Parama-anu parama mahattvantosya vashi kara. Wir haben darüber gesprochen, wie unsere Welt als ein Produkt der Samen in unserem Geist entstanden ist. Allein schon einer einzelnen Person helfen zu wollen, verändert diese Samen in drastischer Weise. Allein der Wunsch, unendlich vielen Menschen helfen zu wollen, hat die Macht, alle Saat im Geist umzuwandeln. Das wiederum wird in Folge alles verändern. Natürlich beeinflusst dieser Effekt alle Geisteszustände, die wir an einem gewöhnlichen Tag durchlaufen. Selbst der Schlaf wird dann zum Abenteuer. Wir können in unseren Träumen ebenso klar sein wie am Tag und unsere Stunden im Schlaf dazu nutzen, um Geist und Herz zu erkunden und zu verändern. Wenn Meditation eine Form von Glückseligkeit verursachen kann, dann kann uns allein schon während der Arbeit in der Küche, nur mit den Vier Gedanken die gleiche Menge Glück entstehen, mit bedeutend weniger Aufwand. Wenn die Saat in unserem Geist sich wandelt, werden wir plötzlich in allem, sei es bei kleineren Aktivitäten oder bei großen Herausforderungen, bemerkenswert erfolgreich sein. Wenn dieser Prozess fortgeschritten ist, dann sind wir sogar in der Lage, sowohl in sub-atome als auch in galaktische Verläufe einzugreifen, wenn es denn jemandem hilft. 28 DER DIAMANTENE WEG Durch ausgewogene Meditation, die klar und auf ein Objekt fixiert ist, können diese außergewöhnlichen Menschen jene alles verdrehende Neigung des Geistes zerschmettern. Das Objekt ist wie ein Kristall, ebenso die Person, die sich darauf konzentriert. Auch das Fokussieren selbst gleicht dem betrachteten Objekt. Kshina virtter abhijatasyeva maner grahitir girhana grahyeshu tat stha tat anjanata samapattih. Der wichtigste Augenblick im Leben ist dann gekommen, wenn wir das erste Mal die absolute Wirklichkeit erkennen. Das geschieht auf der dritten Stufe, der sogenannten “Stufe des Sehens“. Diese kurzen Augenblicke verändern uns für immer und bringen uns unserm Ziel ein bedeutendes Stück näher. Es geschieht allerdings nur dann, wenn wir uns in einer Meditation mit einem völlig klaren und fokussierten Geist befinden. Er muss ausgeglichen sein, das heißt, frei von den beiden Extremen von Dumpfheit oder Hyperaktivität. Während dieser ersten Momente in absoluter Wirklichkeit können wir nichts anderes als das Absolute wahrnehmen. Daher sind wir für eine Weile wie Wasser, das sich in Wasser ergießt. Wir sind uns unserer selbst oder dessen, was wir sehen, nicht bewusst, denn diese Wahrnehmungen sind nicht die absolute Wirklichkeit, die wir in dem Moment in unserem Geist betrachten. Du wirst erkennen, dass die absolute Wirklichkeit wie ein Kristall ist, genauer gesagt, wie ein Diamant. Nichts kann als absolut gelten, ob nun das höchste oder heißeste, wenn man doch noch einen Zentimeter oder ein Grad hinzufügen könnte. Doch der Diamant kommt dem Absoluten sehr nahe, denn nichts anderes in der Welt kann ihn schneiden. Die absolute Realität umgibt uns auch jetzt schon, doch für uns ist sie nicht sichtbar, denn sie ist so klar wie ein Diamant. Tatsächlich besitzt alles überall seine eigene absolute Wirklichkeit, die ebenso wie jeder Splitter eines Diamanten wiederum vollkommene Reinheit ist. 29 DIE ERINNERUNG AN DAS GESEHENE I.42-43 Wenn Du das mit Bildern zu begreifen suchst und mit Begriffen und Objekten vertauschst, dann ist es nur eine Meditation, die auf Konzepten basiert. Verbleibe in dem einen reinen Gedanken und vergiss ihn niemals, den wichtigsten von allen: alles ist leer, ohne aus sich heraus zu existieren. Das ist das klare Licht, jenseits von allem Konzeptionellen. Tatra shabda-artha jnyana vikalpaih sankirna savitarka samapattih. Smirti parishuddhau svarupa shunyeva-artha matra nirbhasa nirvitarka. Nur kurz kommunizieren wir mit der absoluten Wirklichkeit. Dann sinken wir wieder zurück in unseren gewohnten Geisteszustand des Großen Fehlers und schätzen die Welt falsch ein. Es gibt nur einen Unterschied: Jetzt wissen wir, was wir falsch machen. Wir glauben nicht mehr daran, wie wir die Welt erleben, sondern empfinden gleichzeitig ein Gefühl der Illusion. An diesem Punkt, dem zweiten Schritt auf der Stufe des Sehens, ist es wichtig, sich an das zu erinnern, was wir gesehen haben: Alles ist leer. Dies ist das erste Mal, dass der Meister sich auf die “Leerheit“ bezieht.. Leerheit bedeutet nicht ein schwarzes Loch oder dass nichts existiert. Auch bedeutet es ganz bestimmt nicht, dass gute oder schädigende Handlungen nicht ins Gewicht fallen. Es ist einfach so, dass wir etwas vermutet haben, was gar nicht da ist, nicht mehr als auf einer Film-Leinwand. Wenn ich mich umsehe und nach etwas Ausschau halte, dass nicht von meiner eigenen Saat stammt, ende ich mit leeren Händen. Es ist einfach eine Abwesenheit, etwas wie farbloses Licht. Innerhalb des Großen Fehlers, also diesen vollkommenen Bildern im Geist, welche von den Samen geschaffen werden, halten wir die Worte für wirklich existente Tatsachen. Das ist konzeptionelles Denken. Es bedeutet jedoch nicht, dass wir mit dem Denken aufhören wollen. 30 AUF DER ZIELGERADEN I.44-46 Der Unterschied zwischen dem, was wir ”eingebunden in eine Untersuchung” und ”nicht eingebunden in eine Untersuchung” bezeichnen, besteht aus der Feinheit des Objektes. Was dem Absoluten sehr nahe kommt, ist jenes, bei dem keine Zeichen erscheinen. Und das wird genannt: “Tiefe Meditation, während wir immer noch Samen haben”. Etayaiva savichara nirvichara cha sukshma vishaya vyakhyata. Sukshma vishayatvam cha-alinga paryavasanam. Ta eva sabijah samadhih. Jetzt wissen wir also, dass absolute Wirklichkeit, Leerheit, klares Licht und eben dieses leere Gefühl, wenn wir fest stellen, dass es da auf der Leinwand keinen wirklichen Mann gibt, alles das Gleiche ist. Am Tag nachdem wir das unmittelbar erfahren haben, befinden wir uns auf der vierten Stufe: Der Stufe der Gewöhnung. Diese Stufe wird so genannt, weil wir uns an das Erlebte gewöhnen. Wir nutzen jene unbeschreibliche Erfahrung, um unser Vorhaben zu vollenden, für immer die negative Saat aus unserem Geist zu entfernen. An diesem Punkt unserer Entwicklung haben wir diese Samen immer noch, selbst wenn wir meditieren. Doch verfangen wir uns nicht mehr in den Fallen der Meditation, die sich in den angenehmen und subtilen Erfahrungen verbergen. Die Erfahrungen befinden sich immer tiefer und tiefer im Geist, sodass wir noch nicht einmal mehr Töne unterscheiden können, doch ohne den Inhalt einer Meditation, mit dem wir uns des Großen Fehlers entledigen können. DIESER INHALT UNSERER MEDITATION, DAS OBJEKT, DAS WIR ALS MACHTVOLLES WERKZEUG UNSERER KONZENTRATION NUTZEN, MUSS DAS BEDEUTSAMSTE UND SUBTILSTE VON ALLEM SEIN: ES IST DIE TATSACHE, DASS DER MANN AUF DER LEINWAND GAR KEIN REALER MANN IST. ALLE ANZEICHEN DAVON, WIE ZUM BEISPIEL WIRKLICHE ARME UND BEINE VERSCHWINDEN IN DEM MOMENT, WENN WIR DIE LEINWAND BERÜHREN... 31 JENSEITS DER ANGST I.47-49 Wenn Du die Angstlosigkeit jenseits aller Fragen erreicht hast, erfährst Du Glückseligkeit. Dann ist die Weisheit erwacht und unendlich groß. Deine Erfahrung ist dann völlig anders als unter dem Einfluss der Weisheit des Hörens und des Nachdenkens, denn was Du dann erlebst, befindet sich weit jenseits davon. Nirvichara vaisharadyedyatma prasadah. Irtambhara tatra prajnya. Shrutanumana prajnyabhyam anya vishaya vishesha-arthatvat. Wenn wir den Weg der Gewöhnung gehen, zerstören wir für immer alle unsere negativen Gedanken wie Wut, Eifersucht oder ignorante Begierde. Der letzte negative Gedanke, den wir überwinden, ist die subtilste Form der Reflektion, unsere Welt in falscher Weise zu sehen. Wenn alle Negativität entschwunden ist, gehen wir die letzten Schritte zur völligen Reinheit. In dieser Zeit bemühen wir uns, jene Fähigkeit zu erreichen, mit der man einfach alles im Universum, sei es in der Vergangenheit, der Gegenwart oder in der Zukunft, zur gleichen Zeit wahrnehmen kann. Dies ist ein nützlicher Trick, um anderen helfen zu können. Unsere Weisheit ist dann nicht nur unbeschreiblich groß, sondern auch erwacht. Doch selbst die weiter Fortgeschrittenen können die absolute Wirklichkeit nur in tiefer Meditation erleben. Während dieser Zeit kann die scheinbar normale Realität nicht wahrgenommen werden. Haben wir aber erst einmal die vollkommene Reinheit erreicht, können wir mit allen Sinnen in einem Zustand der Glückseligkeit beide Realitäten zugleich wahrnehmen. Für uns ist das jetzt noch schwer vorstellbar. Das ist die letzte Stufe, das endgültige Ziel, die Stufe des Nicht-Mehr-Lernens. Dann befinden wir uns jenseits aller Angst und haben auch keine Hemmungen, das der Welt mitzuteilen. Durch das sorgfältige Studieren unter Anleitung eines Meisters und das Reflektieren über das Gelernte werden wir unser Ziel erreichen. 32 DAS ENDE DER SAAT I.50-51 Dieser Samen des Geistes, gerade geschaffen, beseitigt alle andere Saat. Wenn die geistigen Samen in dieser Weise verenden, dann endet auch alles andere. Daher ist es bekannt als: “Tiefe Meditation, in der wir keine Samen mehr tragen”. Taj-jah sanskaro-nya sanskara pratibandhi. Tasya-api nirodhe sarva nirodhan nirbijah samadhih. Nun haben wir neue Samen geschaffen, die alle unsere alten negativen beseitigen, sowohl diejenigen, die den Großen Fehler verursachten als auch jene, die uns davon abhielten, alles zu wissen. Ein großer Anteil dieser neuen Samen schafft uns das ewige Paradies, das wir uns schon immer erträumt haben. Gemeinsam mit allen anderen halten wir uns darin auf. Dieses himmlische Reich betreten wir in jenem Moment, an dem wir genügend Güte in uns selbst angesammelt haben. Wir betreten es von jedem beliebigen Ort aus, ohne uns irgendwohin fort zu bewegen. Ein weiterer Anteil der Saat funktioniert ganz spontan. Ohne jede bewusste Bemühung kümmern wir uns um Millionen von leidenden Lebewesen. Wir erscheinen an ihrer Seite in genau der Form, in der sie die Unterstützung benötigen, sei es als Schoßhund, als spirituelle Lehrer, als Liebhaber oder auch als Feind, um ihre spirituelle Reife zu fördern. Unser Handeln entsteht aus einer ruhigen und klaren Verfassung. Wir verkörpern vollkommenes Wissen. Allein mit unserem Sein pflanzen wir die Saat, um ewig in dieser Form fort zu bestehen. ZWEITER ECKPFEILER DAS KAPITEL ÜBER DEN WEG 33 DAS ZIEL VOR AUGEN II.1-2 Sich der spirituellen Praxis zu stellen, regelmäßiges Studium und die Gebete an den Meister sind die Vorgehensweisen, um vollständig zu werden. Der Sinn der Meditation liegt darin, unsere negativen Gedanken verschwinden zu lassen. Tapah svadhyayeshvara pranidhanani kriya Yogah. Samadhi bhavana-artha klesha tanu karana-arthash cha. Der zweite Eckpfeiler, auf dem das Haus des Yoga ruht, ist der Weg. Im ersten Kapitel haben wir die tiefe Meditation angewandt, um von einer Stufe zur nächsten zu gelangen. Im zweiten Kapitel werden wir mit einigen praktischen Yoga-Übungen beginnen, um einerseits zu dieser Meditation fähig zu sein und andererseits die Weisheit zu erlangen, die wir mit Hilfe der Meditation vertiefen. Beide Kapitel gemeinsam stellen den Yoga als die Verbindung von inneren geistigen Methoden und äußeren physischen Praktiken vor. Wichtig dabei ist, das wir uns bewusst sind, wohin wir mit Hilfe des Yoga gelangen wollen. Was für ein Ziel haben wir vor Augen? Das erste, wichtige Ziel ist “Nirvana“. Damit ist nicht ein Zustand von versteinerter Dumpfheit gemeint, sondern vielmehr das endgültige Ende aller unserer negativen Gedanken. Stell Dir vor, dass Du einfach nicht mehr in der Lage bist, ärgerlich zu werden. Nach dem Erreichen des Nirvana arbeiten wir weiter daran, zu einer wirklich erhabenen Person, einem Engel gleich, zu werden. Eine Person, die alles wahrnimmt und alle unterstützt. Ins Sanskrit heißt “der Weg” sadhana, das bedeutet, die Verkörperung des Engels durch unsere kontinuierliche, tägliche Praxis tatsächlich “zu erreichen”. Zunächst erreichen wir sie, indem wir Kontakt zu diesen Wesen aufnehmen. Später dadurch, dass wir selbst zu Engeln werden. 34 DER WAHRE FEIND II.3-4 Die fünf negativen Gedanken sind Unwissenheit, Selbstbezogenheit, Mögen, Ablehnung und Festhalten. Die Unwissenheit ist die Basis für alle anderen, sei es, dass sie schlafend sind, schwindend, unterbrochen oder in voller Blüte. Avidya-asmita raga dvesha-abhiniveshah pancha kleshah. Avidya kshetram uttaresham prasupta tanu vichinnodaranam. Der beste Weg, sich aus Schwierigkeiten heraus zu halten, ist zu verstehen, wie sie wirklich entstanden sind. Wenn der ganze Boden unter Wasser steht, kann man entweder den ganzen Tag lang das Wasser aufwischen oder einfach mal den Wasserhahn zudrehen. Es gibt vier grundsätzliche Zusammenhänge, die, wenn wir sie gänzlich verstanden haben, uns helfen, allem Leid ein Ende zu bereiten. Sie werden die Vier Höheren Wahrheiten genannt. Die erste, mit der wir hier beginnen, erläutert die Ursache all unseres Elendes. Der Meister erklärt uns Schritt für Schritt den ganzen Prozess, der daraus besteht, uns selbst die Probleme zu bereiten. Das Fundament ist das fruchtbare Feld der Unwissenheit. Bis jetzt haben wir es als den Großen Fehler bezeichnet oder wie wir unsere Welt in einer völlig falschen Weise betrachten. Nur wenn wir diese Ignoranz beseitigen, können wir auch alles andere Unglück, Wut und dergleichen beenden. Oh, wir können uns natürlich auch darum bemühen, mehr zu schlafen, Urlaub oder ein wenig Yoga zu machen. Vielleicht hilft auch, die Meditation dabei, unseren geplagten Geist zu beruhigen. Das mag die Wut und andere quälenden Gefühle zwar für eine Weile zu unterdrücken, doch sind sie damit keinesfalls aus der Welt geschafft. Ihre Wurzel, die Unwissenheit, ist immer noch da. Und solange sie noch existiert, wird die Entspannung schon bei dem nächsten Verkehrsstau schnell wieder aufgebraucht sein. 35 DIE VIER FEHLER II.5 Unwissend missverstehen wir die Welt: Alles, was endlich ist, unrein und schmerzerfüllt, was nicht durch sich selbst entstanden ist, erscheint uns, als könne es für immer bestehen, als wäre es rein und brächte Freude und bestünde ganz aus sich selbst heraus... Anitya-ashuchi duhkha-anatmasu nitya shuchi sukha-atma khyatir avidya. Wenn Außerirdische von einem anderen Planeten, sagen wir mal, von einem paradiesischem, erleuchteten Planeten, zu uns kämen, wären sie von unserer Lebensweise doch traurig berührt, da unsere Einschätzung dessen, war uns gut tut, so völlig falsch ist. Statt die wirklichen Ursachen herauszufinden, statt nach den Gründen zu suchen, warum das Gute, was wir erleben, wieder endet, arrangieren wir uns einfach mit unserem Leben, setzen Scheuklappen auf und bekommen eben das, was garantiert nicht für immer hält: Häuser, Autos, Besitztümer, Freunde, Familie, Tod. Wir geben Millionen von Geldern für Seifen, Cremes, Kosmetika und Kleidung aus, um etwas zu pflegen und darüber zu drapieren was schon längst mit seinem Verfall begonnen hat. Unsere Versuche, ein wenig Vergnügen oder Ruhe zu finden, sind oft schmerzhaft. Die wenigen Freuden, die wir tatsächlich erleben, enden immer wieder in Schmerz. Es gibt natürlich die Unwissenheit. Doch auch sie basiert auf der Wurzel aller Ignoranz: Es ist die Tatsache, dass jedes Element, das wir erleben, nicht das ist, was wir glauben, dass es sei. Unsere Umwelt besteht nicht aus sich sie selbst heraus. Sie besteht durch uns. Alle Lebewesen, selbst Ameisen, machen diesen besagten Fehler bezüglich ihrer Welt. Unwissenheit in ihrem frühen Stadium bewohnt uns schon, wenn wir noch nicht einmal geboren sind. . 36 DER ANFANG VOM ICH II.6 “Selbst-Existenz“ besteht aus dem falschen Eindruck, der einer Person vorgaukelt, dass, während sie etwas sieht, beides, das Objekt und die wahrnehmende Person, aus sich heraus existent wären. Dirg darshana shaktyor eka-atmateva-asmita. Wir treten in unser Leben und tragen bereits die Saat der Unwissenheit mit uns. Während unserer Zeit in der Gebärmutter reift die Saat und wird zu der persönlichen Erfahrung jenes Missverständnisses, was wir als “Selbst-Existenz“ bezeichnen. Diese falsche Vorstellung von “mir” wird durch die ersten Empfindungen angeregt: Es sind die Wärme und der Druck im Bauch der Mutter. Durch die Unwissenheit vergiftet, teilt der Geist sofort das Leben in “Wärme” und “ich, die Wärme spürend” ein. Wichtig ist, dass ein “ich” besteht und das ist auch völlig in Ordnung. Es existiert und nimmt äußere Objekte wahr. Was ist dann der Unterschied zwischen diesem ich und jenem, welches die Probleme verursacht? Wenn wir etwas wahrnehmen, wie zum Beispiel Wärme, haben wir die Angewohnheit, es für etwas außerhalb von uns, aus sich selbst heraus existent, zu halten. Wir vermuten, dass der Grund, weswegen die Sache da draußen hingekommen ist, außerhalb von uns zu finden ist. Es stammt halt von einem Feuer oder vom Körper meiner Mutter. Doch sind die Wärme, und in diesem Zusammenhang auch ich selbst, tatsächlich nur ein Produkt dieser geistigen Saat. Das erkennt man schon leicht daran, dass eine gemütliche Wärme für den einen, aber eine unerträgliche Hitze für den anderen ist. 37 IST ES FALSCH, ETWAS ZU MÖGEN? II.7-9 Beeindruckt durch das, was sich gut anfühlt, beginnen wir, bestimmte Dinge zu mögen. Beeindruckt durch das, was sich schlecht anfühlt, beginnen wir, anderes nicht zu mögen. Das Ergreifen ist ein Gedanke, dass alles aus sich heraus entsteht und er wächst auch für die, die verstehen, immer noch weiter. Sukha-anushayi ragah. Duhkha-anushayi dveshah. Svarasa vahi vidushopi tatha rudhobhiniveshah. “Ergreifen” bedeutet hier Unwissenheit, da es im Moment das Wahrgenommene missversteht. Wir betreten eine Bäckerei und entdecken ein einziges, übrig gebliebenes Kuchen-Teilchen mit köstlichem Streusel-Belag... Kurzzeitig geblendet durch unseren Appetit auf den Streuselkuchen beginnen selbst diejenigen von uns, die zu einem bestimmten Maße den Großen Fehler verstehen, mit dem Ergreifen - trotz ihres Wissens. Ergreifen bedeutet nicht, sich das leckere Kuchenstückchen zu nehmen, es bedeutet nicht einmal, es besonders sehnsüchtig zu begehren. Es heisst nur, es in falscher Weise zu sehen. Der Kuchen ist da, weil ihn jemand gebacken hat. Ich werde ihn jetzt kaufen können, weil ich das Geld dafür habe. Aber nichts davon ist wahr. Nun, es ist nicht falsch, Kuchen zu mögen. Fortgeschrittene Praktizierende sind in der Lage, Kuchen oder andere Köstlichkeiten viel intensiver zu genießen, als wir das können. Es ist sogar genau diese Fähigkeit, zu mögen und nicht zu mögen, die uns zur Erleuchtung führen. Ich liebe Frieden, ich mag keinen Schmerz und ich mag überhaupt niemanden leiden sehen. Der Himmel ist pure Glückseligkeit und nicht etwa ein Ort, wo Yogis herumsitzen und versuchen, möglichst keinen Spaß zu haben. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen einer intelligenten Vorliebe und stupidem Begehren. Wie unterscheiden wir sie? Hier ist der Test: Eine ältere Dame hinter Dir sagt zu ihrem Mann: “Oh, dieser wunderbare Streuselkuchen ist doch mein Lieblings-Gebäck!” Liebst Du den Streusel so sehr, dass Du ihn ihr überlässt? 38 DIE WELT IN ORDNUNG BRINGEN II.10-11 Um ihren Fluss zu unterbinden bedarf es der Beseitigung der äußerst subtilen Probleme. Diese alten Zirkel, in denen die Gedanken kreisen, werden durch die tiefe Meditation ausgelöscht. Te pratiprasava heyah sukshmah. Dhyana heyas tad virttayah. Zurück zu dem bösen Mann auf der Filmleinwand. Er quält diesen armen kleinen Hund. Das ist eine Situation, die ich nicht ausstehen kann. Die Saat der Unwissenheit löst die Fehlinterpretation von mir und meinem Umfeld aus und das wiederum eine spontane Blindheit, die mich in die folgende moralische Zwickmühle bringt: Soll ich zur Leinwand laufen und diesen schrecklichen Menschen schlagen? Oder gehe ich nach vorne und versuche ihn friedfertig davon zu überzeugen, von seiner Gewalt abzulassen? Verstanden? Weder das eine, noch das andere wird funktionieren. Aufgrund meiner geistigen Verwirrung stehe ich vor der Wahl zwischen zwei nicht funktionierenden Alternativen. Keine der beiden Möglichkeiten kann jemals funktionieren. Dieser Mann ist nicht der Mann. Wenn wir das nicht mögen, was wir gerade – tatsächlich als unangenehm - erfahren, müssen wir wohl zum Filmprojektor gehen und dort etwas ändern. Das ist eine wesentlich subtilere Herangehensweise, doch wir haben sowieso keine andere Wahl. Wenn wir das Leid beenden wollen, müssen wir der Saat dafür ein Ende bereiten. Das passiert im Geist, in tiefer Meditation. Wir beginnen mit den Samen, die den Großen Fehler verursachen. 39 DIE URSACHE UNSERER WELT II.12-13 Die negativen Gedanken sind die Ursache dieser Ansammlung, die wir durch unsere Handlungen angehäuft haben. Dann erfahren wir diese Dinge in diesen oder späteren Lebzeiten. Solange die Ursache immer noch da ist, werden wir auch in Zukunft unweigerlich das reifen unserer Handlungen erfahren. Klesha mulah Karma ashayo dirshta-adirshta janma vedaniyah. Sati mule tad vipako jatyayur bhogah. So, da stehe ich vor dem letzten Stück Streuselkuchen. Ich verstehe es als etwas, das ich bekomme, indem ich es mir im Laden kaufe, nicht etwa von meiner eigenen Saat. Ich mache eine falsche Annahme darüber, auf welche Weise ich es bekomme. Statt dafür Sorge zu tragen, einen Samen für den Streusel zu pflanzen, indem ich ihn der Dame hinter mir überlasse, erzwinge ich mein Glück und nehme das letzte Stückchen Streusel. So setze ich ein “Karma.” Unser Geist gleicht einer hochempfindlichen Video-Kamera, die jede einzelne Handlung, jedes Wort und jeden Gedanken in unserem Leben aufnimmt. Das Bild einer jeden Handlung - oder Karma - wird im Geist als Samen gespeichert. Wenn die Zeit kommt und die Saat reift, schafft das alles um uns herum und auch in uns. Dieses Samen-Lager gibt den Ausschlag dafür, was wir jetzt, aber auch in Zukunft erleben: Auch nach unserem Tod. Seid doch nicht so naiv, zu denken, dass die Gedanken aufhören, nur weil der Körper nicht mehr funktioniert. Wenn Ihr von jemandem keinen Anruf bekommt, heißt das ja nicht notwendigerweise, dass derjenige nicht mehr da ist. Vielleicht ist nur sein Telefon defekt. Wir haben eine ganze Menge alter schlechter Samen. Doch das Wissen darum kann sie endgültig hindern, weiter zu wachsen. 40 DIE URSACHE VON LEID II.14 Es gibt eine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung. Die Samen reifen als Erfahrungen, in erfrischend angenehmem oder schmerzhaftem Verlauf, abhängig davon, ob Ihr den anderen Gutes getan habt oder statt dessen Schmerzhaftes zugefügt. Te hlada paritapa phalah punya-apunya hetutvat. Mal ganz ehrlich: Wenn Du Dich nach der Ursache von allem Leid in Deinem Leben fragst, hast Du grundsätzlich drei Möglichkeiten. Die erste ist die Urknall-Theorie. Alles, einschließlich Deines nervigen Chefs, ist von einem Ereignis verursacht worden, das praktischer Weise selbst keine Ursache hat. Dein Leben mit all seinen Tragödien ist einfach ein großer Zufall. Wenn also beliebige Teilchen, die von dieser ganz alten Explosion stammen, aufeinander stoßen, dann erschaffen sie die Gesichter aller Personen, mit denen Du jemals zu tun haben wirst. Oder, es gibt in irgend einer Form eine höhere und unendlich mitfühlende Intelligenz, die alles erschaffen hat. Sie hat die Welt in solcher Weise erschaffen, dass wir immer alles wieder verlieren und an die Quälgeister Alter, Krebs, Krieg und Tod abgeben müssen. Oder wir bekommen genau das wieder, was wir anderen geben: Eine Art perfekt funktionierende kosmische Gerechtigkeit, die ebenso wenig vergibt wie die Gravitationskraft. Lass die Kaffeetasse los und sie fällt hinunter und geht kaputt. Füge einem anderen Leid zu und Du bekommst Leiden zurück. Das muss nicht bedeuten, dass es keine göttlichen und heiligen Wesen gibt, die ständig in unserer Nähe sind und uns zu unserem vollkommenen Glück geleiten. Selbstverständlich sind sie da. Die Voraussetzungen für sie bestehen daraus, dass wir uns um andere kümmern. 41 WARUM ALLES ZERFÄLLT II.15 Die Qual der Veränderung wird durch die gleiche leidvolle Saat verursacht. Wenn wir die alte Weise beenden, in der unsere Gedanken die Dinge verdrehen, als hätten sie von sich aus irgendwelche Qualitäten, ermöglicht uns das, zu erkennen, dass jedes Element in unserem Leben aus Leiden besteht. Parinama tapa sanskara duhkhair guna virtti virodhach cha duhkham eva sarvam vivekinah. Du lernst jemanden kennen. Du findest, diese Person ist besonders attraktiv und das Gefühl beruht sogar auf Gegenseitigkeit. In sechs Monaten könnt Ihr Euch dann nicht mehr ausstehen. Warum fällt alles auseinander? Es ist weder Deine noch deren Schuld. Es liegt am Leben selbst. Schon wieder ist es die Geschichte mit der Saat. Eine neue Beziehung ist, wie alles andere auch, der gereifte Samen im Geist. Jede Minute, die wir mit unserer neuen Flamme verbringen, verbraucht sich dieser Samen, allein dadurch, dass er diese Person produziert. Wenn der Samen aufgebraucht wird, ändert sich die Beziehung. Sollte der Samen seinem Ende entgegengehen, geschieht das mit der Beziehung ebenso. Sobald wir verstanden haben, wie diese Samen funktionieren, missverstehen wir unsere Freunde auch nicht mehr. Das sind keine Freunde da draußen, die von sich heraus ein Lächeln oder eine Berührung für uns haben. Alles kommt von den Samen. Alles stammt von den Samen und die Samen sterben, indem sie reifen. Tatsächlich ist es so, dass alle Teile unseres Lebens, auch die guten, uns eines Tages Leid verursachen werden. Das ist die zweite höhere Wahrheit: Die Wahrheit vom Leid. . 42 WARUM TUGENDSAME MENSCHEN LEIDEN II.16 Der Schmerz, dem wir uns entledigen, ist das ganze Leid, das uns sonst in der Zukunft erreichen würde. Heyam duhkam anagatam. Wenn alles, das wir jemals erleben, ein Ergebnis dessen ist, wie wir mit anderen umgehen, warum leiden dann tugendsame Menschen? Und warum werden betrügerische Menschen reich? Die geistige Saat funktioniert genau so wie physische Samen. Das ist wichtig. Niemand setzt einen Weizen-Samen in die Erde, verharrt dort und erwartet, dass das Getreide in ein, zwei Tagen sprießen würde. Mentale Samen werden im Geist einfach dadurch gepflanzt, dass wir wahrnehmen, was wir anderen gegenüber tun, sagen oder denken. Die Samen gelangen in das persönliche Lager und warten, bis sie aufgerufen werden, wie die Flugzeuge, die in Reihe stehen, um abzuheben. Bestimmte Samen, wie Sonder-Einsätze zum Beispiel, rücken nach vorne, vor die anderen Flugzeuge, und heben ab: Wir sagen zum Beispiel etwas aus furchtbarer Wut heraus oder aber wir handeln mit großer Güte, aus dem Wissen heraus, wie die Samen funktionieren. In jedem Fall braucht der Reifungsprozess etwas Zeit. Es ist hilfreich, sich im Hinterkopf zu behalten, dass diese Zeit-Lücke täuscht und wir dadurch leicht entmutigt werden können. Tatsächlich ist es so, dass alles Gute, das wir tun, auch immer als Gutes zurück kommt. Das Schmerzhafte verhält sich ebenso. Wenn es anders erscheint, dann nur, weil ein älterer Samen zwischendurch “abhebt“. 43 ALLES, WAS WIR SEHEN II.17-18 Die zu beendende Ursache ist die Wechselwirkung zwischen den Sehenden und dem, was sie sehen. Und was wir sehen, was wir wahrnehmen, ist der Zustand von allem: Entweder es bewegt sich oder es ist in Ruhe. Wir selbst sind eine Verbindung von diesen Elementen und Kräften, wir können sie aufbrauchen oder für unsere Befreiung nutzen. Drashtir dirshyayo sanyogo heya hetuh. Prakasha kriya sthiti shilam bhutendriya-atmakam bhoga-apavarga-artham dirshyam. Hier beginnt die dritte Wahrheit: Die Wahrheit über den Weg zum Ende des Leids. Lasst uns mal schauen, wie das Universum aufgebaut ist und nach Hinweisen suchen, wie man den Großen Fehler, den Grund allen Missgeschickes, beenden kann. Alles ist entweder in Bewegung oder in Ruhe. Was sich bewegt, ändert sich. Es gibt nur Weniges, - leerer Raum oder der Ort, den die Dinge einnehmen - das sich nie ändert. Wir selbst sind eine sich ständig ändernde Verbindung von einerseits den physischen Komponenten, wie zum Beispiel den chemischen Elementen; und andererseits den Teilen des Bewusstseins, beispielsweise unserem Geist oder unseren Sinneseindrücken. Egal, ob das, was wir wahrnehmen, gleich bleibt oder im ständigen Fluss ist, das Wichtigste ist, dass wir Folgendes verstehen: Es hängt von der Saat in unserem Geist ab. Wenn wir das begriffen haben, können wir weise mit unserem Universum umgehen. Wir können entweder blindwegs das konsumieren, was wir uns der Vergangenheit erschaffen haben. Oder wir umarmen eine großartige Möglichkeit, neue Saat für eine vollkommene Welt in Freiheit zu legen. 44 DIE ZWEI WIRKLICHKEITEN II.19-20 Die einzelnen unterschiedlichen Phasen heißen: Unterschieden, Nicht-Unterschieden, Nur-Zeichen oder Jenseits-Aller-Zeichen. Nur durch das Sehen erfährt der Seher die Reinheit, doch sieht er später wieder Objekte. Vishesha-avishesha linga matra alingani guna parvani. Drashta dirshi matrah shuddhopi pratyaya-anupashya. Eine andere, nützliche Methode, das Universum zu unterteilen, ist die Unterscheidung der zwei Wirklichkeiten. Die eine wird als “trügerische Wirklichkeit“ bezeichnet und besteht aus unserem täglichen Leben, wie zum Beispiel dem Streuselkuchen, den man garantiert käuflich erwerben kann. Die Teile dieser unteren Realität scheinen sich voneinander zu unterscheiden, in sich und voneinander. Ein Salat ist kein Streusel. Ich bin nicht Du. Wir sind aus uns heraus und per Definition unterschieden. Die zweite, höhere Realität, nennen wir die “absolute Wirklichkeit“. Auf dieser Ebene sind ein Salatkopf und ein Streuselkuchen nicht verschieden. Es ist nicht einfach ein vages Gefühl, dass wir irgendwie alle eins sind. Damit kämen wir nicht weit. Vielmehr ist es so, dass alles in dem Sinne eins ist, dass alles aus unseren Samen folgt. Wenn uns das klar ist, sind wir in der Lage, eine neue Welt zu schaffen, ohne Leid. Früher haben wir uns dabei ertappt, wie wir ein vollkommenes Bild eines Teekessels über etwas gestülpt haben, das nur einige Hinweise auf einen solchen Topf trug, das auf dem Herd steht und eine silbrige Farbe und eine runde Form hat. Doch selbst das Silber ist nur ein Bild, das auf zwei silbrige Flecken von links und rechts aufgesetzt wurde. Das heißt, wenn wir verstehen, wie die trügerische Wirklichkeit funktioniert, führt uns das dazu, die reine, absolute Wirklichkeit zu erleben. Doch ohne die dementsprechende Saat können wir dort nicht verbleiben. 45 DIE EINSAMKEIT DES SEHENS II.21-22 Es gehört nur der Person, die es gesehen hat. Was sich für die eine, die das Ziel schon erreicht hat, aufgelöst hat, ist leider noch nicht für die anderen zerstört, denn sie besitzen immer noch die Basis dafür. Tad artha eva dirshyasya-atma. Kirta-artha prati nashtam apyanashtam tad anya sa-adharanatvat. Nur eine Person, die schon die absolute Wirklichkeit auf der Stufe des Sehens direkt erlebt hat, versteht tatsächlich die beiden Realitäten. Das Erlebnis wird als “unbeschreiblich“ bezeichnet, weil der Seher keine Möglichkeit hat, einer anderen Person in Worten dieses Ereignis so zu vermitteln, dass der andere es in gleicher Qualität vor Augen haben kann. Daher wird ein Sehender den Rest seines Lebens damit verbringen, auch den anderen die Möglichkeit zu verschaffen, die absolute Wirklichkeit direkt zu erleben. Der eigentliche Vorgang des “Sehens“ hält nur einige Minuten an. Dabei werden sofort einige negative Gefühle zerstört, die anderen folgen kurz darauf. So bringt es uns den Frieden, den wir alle so dringend benötigen. In den Stunden nach Deinem ersten Sehen erlebst Du eine Reihe von außergewöhnlichen Visionen. Eine von diesen zeigt direkt in die Zukunft, zu dem Tag, an dem Du ein Lichtwesen wirst, das alle anderen lebenden Kreaturen unterstützt. So entschwinden alle deine Zweifel, zum Beispiel die über Deine Zukunft, für immer. Dies sind zwei ganz persönliche Erfahrungen, die man denjenigen, die es selbst noch nicht erlebt haben, kaum vermitteln kann. Wie sehr auch der Sehende seine Erfahrungen teilen möchte, niemals wird er den letzten Zweifel eines anderen zerstören können, den des Großen Fehlers. 46 WER HAT DIE MACHT? II.23-25 Der Grund für diese Interaktion, ist eine Geisteshaltung, mit der wir, wegen unseres Glaubens an den Herrn und seinen Diener, eine selbst-existente Natur wahrnehmen. Und der Grund dafür ist unser Missverständnis. Wenn das beendet ist, hört auch die Interaktion auf: Für die Sehenden wird jene endgültig zerstört, wenn sie die absolute Reinheit erreicht haben. Sva svami shaktyoh svarupopalabdhi hetuh sanYogah. Tasya hetur avidya. Tad abhavat sanYoga-abhavo hanam tad dirsheh kaivalyam. Noch einmal, der Fortbestand negativer Gefühle basiert bei einer Person, die noch nicht gesehen hat, darauf, dass sie denkt, dass ihr Umfeld getrennt von ihr selbst existiert, also nicht von ihr abstammt. Die Wurzel von diesem Missverständnis ist der Same der Unwissenheit, den wir in dieses Leben mitgebracht haben. Sehen beendet unausweichlich einige dieser negativen Gedanken sofort, die anderen in der Zeit danach, nur aufgrund des Sehens. Der letzte negative Gedanke, der verschwindet, ist der Große Fehler und alle die damit zusammenhängenden Samen. So weist uns das Sehen den Weg zu unserem eigentlichen Ziel der vollkommenen Reinheit. Willst Du wissen, ob Du immer noch die Dinge in falscher Weise betrachtest? Schau Dir die Kleidung an, die Du gerade trägst. Besitzt Du sie? 'Ja.' Warum? 'Weil ich sie unter Kontrolle habe.' Oh, dann kannst Du mit Sicherheit sagen, dass Du sie auch morgen noch besitzen wirst? Oder könnte es passieren, dass Deine Familie sie morgen bei der Altkleider-Sammlung abgibt, weil sie auf dem Weg zu Deiner Beerdigung ist? Wir besitzen gar nichts, noch nicht einmal unseren eigenen Körper. Er ist nicht unser Diener und wir beherrschen ihn auch nicht. Keiner hat die Kontrolle, der noch nicht gesehen hat. 47 DIE ILLUSION ERKENNEN II.26-27 Menschen, die von der Unterscheidung durchdrungen sind, die von Erkenntnis stammt, sind nicht länger verloren. Sie kennen eine Methode, um die Zerstörung zu vollziehen. Es ist ihre Weisheit, die sie die Vollendung der siebten Ebene erreichen lässt. . Viveka khyatir aviplava hanopayah. Tasya saptadha pranta bhumih prajnya. Daher verhalten wir uns unserer Umwelt gegenüber so, als ob sie unser Besitz wäre. Das heißt. wir handeln, als ob wir tatsächlich die Kontrolle über unsere Welt hätten. Wir verschließen unsere Augen vor der Tatsache, dass wir vollständig von der Saat abhängig sind, die wir uns in der Vergangenheit selbst gesät haben. Einzig und allein abhängig davon, wie wir die anderen behandelt haben. Nur die Sehenden behandeln ihre Welt anders. Während der Zeit nach ihrer erstmaligen Erkenntnis, auf der vierten Stufe also, werden sie zwar durch die alte Saat der Ignoranz immer noch gezwungen, dass die Situationen ihnen von außen her ‘passieren‘, statt von innen geschehen, doch sie wissen, dass es nicht wirklich so ist, wie es scheint. So erkennen sie die Illusion als das, was sie ist, selbst wenn sie sie noch nicht beenden können. Die Sehenden besitzen, weil sie gesehen haben, alles Werkzeug, um den Großen Fehler zu zerstören. Wie ein Boot trägt sie dieses Wissen durch die sechs fortgeschrittenen Ebenen, in denen sie die Tugenden vervollkommnen: Geben, Ethisches Leben, Geduld, Spirituelles Engagement, Tiefe Meditation und Höhere Weisheit. Während der siebten Ebene schaffen sie es sogar, die Dinge davon abzuhalten, so zu erscheinen, als entstünden sie aus sich heraus. 48 DIE ACHT GLIEDER II.28-29 Wenn Du Dich in den Übungen zur Vollkommenheit ernsthaft trainierst, werden alle Deine Unreinheiten zerstört. Du wirst das Licht der Weisheit gewinnen und Deine Erkenntnis wird sogar jenseits von Unterscheidung sein. Die acht Glieder sind Selbst-Kontrolle, Verpflichtungen, die physischen Stellungen, Atem-Kontrolle, Rückzug von den Sinnen, Fokus, Sammlung und vollkommene Meditation. Yoga-anga-anushthanad ashuddhi kshaye jnyana diptir aviveka khyateh. Yama niyama-asana pranayama pratyahara dharana dhyana samadhayoshtava-angani. In den sieben höheren Ebenen erkennen wir die Illusion als das, was sie ist. Endlich werden wir auch aufhören, die Dinge als etwas anderes erscheinen zu lassen, als das, was sie wirklich sind, nämlich abstammend von unseren selbst gelegten Samen. Wenn wir uns für die letzten drei Stationen, “die reinen Ebenen“ genannt, aufmachen, werden wir lernen, alles zu wissen und die Menschen an vielen verschieden Orten gleichzeitig zu unterstützen. Unsere Weisheit ist dann jenseits der Notwendigkeit, uns vor der Illusion in acht nehmen zu müssen. Diese zehn Ebenen sind die vierte und letzte der höheren Wahrheiten: Die Wahrheit vom Ende der Leiden. Die Besonderheit und der Grund von Meister Patanjalis kurzem Buch über Yoga, warum es Jahrtausende überlebt hat, liegt darin, dass es uns praktische Schritt-für-Schritt-Anleitungen gibt. Sie sind für jeden geeignet, egal in welcher Situation wir uns befinden oder welche Fähigkeiten wir gerade besitzen. Jeder von uns kann sie jetzt ausführen, um diese höheren Ziele zu erreichen. Wir beginnen nun mit diesen Schritten: Mit dem berühmten “Ashta-anga“, den acht Gliedern des Yoga-Weges. Wie schon am Beginn dieses zweiten Kapitels erwähnt, arbeiten wir zuerst mit den fünf mehr äußerlich orientierten Übungen. Es sind Aktivitäten, bei denen unser Fortschritt leicht zu messen ist. Diese bereiten uns dann auf die drei mehr nach innen gerichteten Praktiken des dritten Kapitels vor. 49 SELBST-KONTROLLE II.30a Die verschiedenen Formen der Selbst-Kontrolle sind das Vermeiden, anderen zu schaden, immer die Wahrheit zu sprechen, nichts voneinander zu stehlen… Ahinsa satya-asteya… Das erste der acht Glieder ist Selbstkontrolle, die Fähigkeit, uns sozusagen von unseren niederen Instinkten fern zu halten. Nur die fünf wichtigsten Formen von Selbst-Kontrolle werden benannt. Die erste ist einfach nur, anderen nicht zu schaden. Die anderen bedeuten in den alten Überlieferungen jedwedes lebende Wesen, egal wie klein oder scheinbar unintelligent, denn offensichtlich scheinen alle Schmerz zu empfinden und versuchen, diesen zu vermeiden. Die gewichtigste Form der Verletzung besteht darin, einen Menschen zu töten oder daran beteiligt zu sein. Auch stimmen alle der überlieferten Schriften darin überein, dass ein menschliches Leben mit der Empfängnis beginnt, wenn das Bewusstsein in die gerade entstandene Verbindung von Ei und Samen tritt. Tatsächlich die Wahrheit zu sprechen ist schwer: es bedeutet, niemals auch nur den kleinsten falschen Eindruck dessen zu hinterlassen, was Du selbst als die Wahrheit erkennst. Die schlimmste Lüge besteht darin, eine falsche Aussage über die eigenen spirituellen Erkenntnisse zu treffen. Auch ist es im allgemeinen gut, Menschen nicht durch meine Rede auseinander zu bringen, verletzende Worte zu benutzen oder sinnlos daher zu reden. Zu stehlen heisst, den Besitz einer anderen Person ohne deren Erlaubnis an sich zu nehmen, was auch unerlaubte Telefonate am Arbeitsplatz bedeutet, unsere Städte unnötig verschmutzen, wofür alle ihre Steuern bezahlen oder die Erde für die kommenden Generationen zu zerstören. 50 EIN KODEX FÜR UNS ALLE II.30b-31 …Sexuelle Reinheit bewahren und Besitzdenken überwinden. Diese Formen der Selbst-Kontrolle sind machtvolle Verhaltensregeln für Personen in jedem Stadium ihrer persönlichen Entwicklung . Grenzen zwischen Ländern, Rassen oder sozialem Status können diese Regeln nicht aufhalten. Sie sind jenseits von dem, was modern oder alt ist, jenseits von allen Glaubenssätzen und Überzeugungen. …Brahmacharya-aparigraha yamah. Jati desha kala samaya-anavachinnah sarva bhauma mahavratam. Für eine Person, die das Keuschheitsgelübte abgelegt hat, bedeutet sexuelle Reinheit, alle Arten der Sexualität zu vermeiden. Wenn das Gelübde tatsächlich mit Freude und Überzeugung abgelegt wurde und eingehalten wird, garantiert es besondere Energie und geistige Klarheit. Für andere bedeutet sexuelle Reinheit, sorgsam das Band zwischen zwei Menschen, die sich in einer Beziehung befinden, wert zu schätzen. Besitzdenken zu vermeiden beginnt damit, einen Entschluss für ein einfaches Leben zu fassen. Es erstreckt sich auch dahin, unsere Gewohnheit zu erkennen und zu beenden, unbehagliche Gefühle der Missgunst zu haben, wenn andere etwas Schönes erleben oder bekommen, ebenso unser seltsames Gefühl der Zufriedenheit über die Probleme anderer. Diese verschiedenen Arten der Selbst-Kontrolle sind nicht von einer Organisation entwickelt worden, um uns den Spass zu verderben. Die Welt ist ein ziemlich chaotischer Ort. Die absolute Form der Selbst-Kontrolle bedeutet, nicht mehr jemand anderem die Schuld für dieses Chaos zu geben. Wir haben sie mit unserer Saat geschaffen. Also ist die Vermeidung von Handlungen, die schlechte Saat verursachen und damit eine schlechte Welt, doch eine ganz schlaue Idee. Es ist völlig egal welcher Religion, Rasse oder Nation wir angehören. Die Weisen unseres Planeten haben es zu allen Zeiten und in jedem Land schon erkannt, dass Selbstdisziplin das ist, was uns wirklich frei macht. 51 VERPFLICHTUNGEN II.32 Die Verpflichtungen sollten rein gehalten werden. Zufrieden mit dem, was wir haben, Schwierigkeiten annehmen, um höhere Ziele zu erreichen, kontinuierliches Studium und die Segnungen unserer Lehrer ersuchen. Saucha santosha tapah svadhyayeshvara pranidhanani niyamah. Fünf Verpflichtungen ergeben das zweite Glied des Yoga. Selbstdisziplin schützt vor schlechten Samen. Die Verpflichtungen schaffen gute. Sie schaffen die Basis für unseren Erfolg in den darauf folgenden sechs anderen Übungen. Rein behalten bedeutet, den ganzen Tag danach zu streben, die Welt und alle um uns herum als gesegnet anzusehen. Das bedeutet auch, unseren Tag nicht mit Aktivitäten zu überladen und auch die zahllosen sinnlosen Interaktionen mit anderen zu vermeiden. Auch braucht der Tempel, den wir als Wohnung bezeichnen, nicht mit unnützem Kram überflutet zu werden Zufriedenheit bedeutet, das nicht zu wollen, was wir nicht haben und das zu genießen, was wir haben. Yogis beschweren sich nicht über das Essen oder die Lokalität, die sie gerade erleben. Doch macht Zufriedenheit noch nicht unseren spirituellen Fortschritt aus. Dieser kommt vielmehr von einer Verpflichtung, alles Notwendige zu tun, uns und alle anderen für immer vom Leid zu befreien, auch wenn es harte Arbeit bedeutet. Regelmäßiges Studium hieß in alten Zeiten, alle wichtigen Bücher zu den Füßen eines großartigen Meisters zu lesen und auswendig zu lernen. Unsere Beziehung zu einem solchen Meister oder Meisterin ist die höchste Verpflichtung von allen, denn ohne sie können wir nicht von dem lebendigen Wasser kosten, das über Tausende von Generationen von den Lehrern an ihre Schüler von Herz zu Herz weitergegeben wurde. 52 ALTES KARMA ZERSTÖREN II.33-34a Wenn die Bilder beginnen, Dich zu quälen, dann setze Dich nieder und entwickle ein Gegenmittel. Diese Bilder, zum Beispiel Menschen, die mich verletzen, haben die Ursache in dem, was ich selbst tat oder wozu ich andere veranlasst habe, für mich durchzuführen oder die Handlungen anderer, über die ich erfreut war. Das, was davon zurückkam, war entweder Begierde, Hass oder tiefste Unwissenheit... Vitarka badhane pratipaksha bhavanam. Vitarka hinsa-adayah kirta karita-anumodita lobha krodha moha purvaka… Selbstdisziplin verhindert neue schlechte Saat und Verpflichtungen pflanzen gute neue Samen. Doch müssen wir ja auch wegen der alten schlechten Samen in Aktion treten, die immer noch in unserem geistigen Lager verharren. Wenn wir nicht handeln, blockieren sie die anderen sechs Praktiken des Yoga. Vielleicht kennen wir nicht die ursprüngliche Handlung, die unseren jetzigen Samen verursacht hat, doch können wir auf Basis der gereiften Saat, die uns schmerzhafte Bilder von unserer Gesundheit und unseren Beziehungen beschert, Rückschlüsse ziehen. Dieses Wissen hilft uns dann, innerhalb unseres eigenen Geistes genau diese Samen zu zerstören. Samen werden nicht nur durch unsere eigenen Handlungen gelegt, sondern auch, wenn jemand in unserem Auftrag handelt oder wenn wir nur eine Handlung bewusst befürworten. Stirbt jemand im Krieg und wir haben willentlich unsere Steuern dafür gezahlt, gleicht das der Handlung, selbst einem Menschen mit unseren eigenen Händen ein Messer in die Brust zu versenken. Alle Saat für das Leid, sei es äußerer Schmerz oder Glück, das entschwindet und sich dann auch in Schmerz verwandelt, sind durch den Großen Fehler entstanden, wenn wir auf Situationen und Mitmenschen, die eigentlich nur von uns selbst stammen, mit den verkehrten Gefühlen von Anziehung und Ablehnung reagieren. 53 DIE VIER KRÄFTE II.34b ...Sie sind von kleinerer, mittlerer oder größerer Macht. Sag Dir selbst, “Wer kennt den Schmerz, den ich mir verursacht habe, besser als ich selbst?” Setze Dich hin und finde das Gegenmittel. … Mirdu madhya adhimatra duhkha-anjyana-ananta phala iti pratipaksha bhavanam. Es gibt einen Weg, altes schlechtes Karma zu beenden. Sonst wäre es hoffnungslos, da mentale Samen sich ständig vervielfachen. Eine einzelne kleine Eichel produziert eine Tonnen-schwere, riesige Eiche. Ein geistiger Same verhält sich nicht anders Finde die schlimmsten Samen heraus, die Du hast. Ältere Samen, die Dir ernsthafte gesundheitliche Schwierigkeiten bereiten. Und die frischeren Samen, an die Du Dich noch erinnern kannst, sie verursacht zu haben: Eine ernsthafte Verletzung, die Du jemandem zugefügt hast, etwas, das Du unter dem Einfluss starker Gefühle getan hast, einen Schaden, den Du einem machtvollen karmischen Objekt, einem Elternteil oder einem Lehrer zugefügt hast. Das Gegenmittel besteht aus vier Schritten: Die Vier Kräfte. Setzt Dich erst einmal in Ruhe hin und überdenke noch einmal alles, was Du über Samen verstanden hast. Denke über Deine Bestimmung nach, die schlicht ausgedrückt darin besteht, die Welt zu retten. Intelligentes Bedauern, doch keine Schuld, ist die zweite Kraft. Es ist das Bedauern darüber, wie diese Handlung und ihre Saat die Umsetzung Deiner Bestimmung verlangsamen wird. Der dritte und wichtigste Schritt ist der Entschluss, den Fehler nicht zu wiederholen. Wenn es zum Beispiel um ein gesundheitliches Problem geht oder das einer Beziehung, dann ist es offensichtlich notwendig, jeden Schaden am Wohlergehen anderer oder jegliche Verletzung ihrer Beziehungen sorgfältig zu vermeiden. Die vierte Kraft besteht aus einer positiven Handlung, um der negativen entgegen zu wirken. Hilf zum Beispiel freiwillig in einem Altenheim. Widme bewusst alle vier Kräfte und diese Saat wird sterben. 54 IN DEINER GEGENWART II.35 Wenn Du Dein Leben danach ausrichtest, niemals anderen Schmerz zuzufügen, dann kommen in Deiner Gegenwart alle Konflikte zu einem Ende. Ahinsa pratishthayam tat sannidhau vaira tyagah. Was passiert, wenn wir im Umgang mit unseren geistigen Samen so richtig gut werden? Nur wir können unsere karmische Saat setzen und nur wir erleben, wenn sie sprießt. Genauso gut können wir als Gruppe gemeinsam eine gute Handlung durchführen. Dann pflanzt sich jeder Teilnehmer einen ähnlichen Samen. Das erklärt Wohlstand und Armut auf den gegenüberliegenden Seiten dieser imaginären Staatengrenzen. Daher sagt der Meister, dass “in Deiner Gegenwart,” wird etwas Gutes geschehen wird. Es ist auch der Grund, warum zwei Personen am gleichen Yoga-Kurs teilnehmen können und die eine es als ansprechendes Abenteuer erlebt, während die andere nur einen schmerzenden Nacken davon bekommt. Je aufmerksamer und regelmäßiger wir mit unseren Samen arbeiten, statt mit dem bösen Mann auf der Leinwand zu kämpfen, umso offensichtlicher wird es, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das erste Ergebnis ist ganz überraschend: Jemand, der für Dich eigentlich ein Problem am Arbeitsplatz darstellt, grüßt Dich ausgesprochen herzlich. Dann geschieht das Offensichtliche: Fast jeder in Deinem Arbeitsumfeld beginnt, Dir ein freundliches Lächeln zu schenken. Als nächstes passiert das Erstaunliche: Kriege in der ganzen Welt enden plötzlich. Und letztendlich das Wunderbare: Der Alterungsprozess Deines Körpers endet und beginnt, sich um zu kehren. 55 WO KOMMT DAS GELD HER? II.36-37 Wenn Du Dein Leben danach ausrichtest, immer die Wahrheit zu sprechen, dann wird alles, was Du unternimmst erfolgreich sein. Wenn Du Dein Leben danach ausrichtest niemals zu stehlen, dann wird eine Zeit kommen, in der Menschen einfach zu Dir kommen und Dir alles Geld, das Du benötigst, zur Verfügung stellen. Satya pratishthayam kriya phala shrayatvam. Asteya pratishthayam sarva ratnopasthanam. Wichtig ist es, sich von der Ansicht zu lösen, dass Lügen nur dann schlecht sind, wenn man dabei erwischt werden könnte. Oder dass sie nur deshalb nicht erstrebenswert sind, weil es unsere Eltern, die Lehrer in der Schule oder die Religion so gesagt haben. Je mehr wir die Funktionsweise der Samen durchdringen, umso mehr wird Gutes tun nicht nur richtig, sondern der einzige Weg für uns, einschließlich was wir allen anderen wünschen. Wenn wir hart daran arbeiten, die Wahrheit zu sprechen, dann wird auch jeder andere immer aufrichtig zu uns sein. Doch denkt bitte an die zeitliche Lücke: Samen benötigen Zeit, um zu reifen. Dann wird alles, was wir beginnen, sei es ein neues berufliches Unternehmen oder eine neue Beziehung, einfach “automatisch“ erfolgreich sein. Geld-Karma kann faszinierend sein. Geld ist kein garantierter staatlicher Service. Der Wert der Weltwirtschaft, jeder einzelne Cent wird durch den Respekt der Besitztümer anderer geschaffen. Gib der Sache einen ernsthaften, ausdauernden Versuch. Dann wirst Du auf dem Weg zur Bank ständig ein frohes Lachen auf den Lippen haben. 56 WIE BEZIEHUNGEN ERFOLGREICH WERDEN II.38-39 Wenn Du Dein Leben danach ausrichtest um ständig sexuelle Reinheit zu bewahren, und darin durchhälst, Besitzdenken abzulegen, dann wirst Du in der Lage sein, Deine anderen Leben zu sehen. Brahmacharya pratishthayam virya labhah. Aparigraha sthairye janma katha-anta sambodhah. Es ist kein Wunder, dass wir die Beziehung erlangen, die wir uns schon immer erträumt haben. Der einzig funktionierende Weg, den Gesetzmäßigkeiten des Karma zu entsprechen, also sorgsam die Beziehungen anderer zu achten und zu schützen, führt uns zum ersehnten Ziel. Eine einfache Regel ist, so zu handeln, als ob der Partner der anderen Person ständig mit anwesend wäre. Noch einmal: Es geht nicht um das, was wir uns normalerweise als “Moral” aufzwingen: Es handelt sich nur um den einzigen Weg, mit dem wir selbst einmal eine schöne Beziehung finden. Wenn jeder so handeln würde, hätte auch jeder eine faszinierende Partnerschaft. Mit dem Respekt, dem wir dem Besitz anderer entgegenbringen, verhält es sich ebenso: Wenn jeder es verstünde, dann würde jeder in der Welt alles haben, was er braucht. Armut würde für immer verschwinden und das ist der einzige Weg, wie das je geschehen kann Das Sanskrit-Wort für “Stärke” bedeutet hier beides: Gute Gesundheit im Allgemeinen, aber auch eine klare persönliche sexuelle Kraft, die Dir für alles, was Du tust, Energie gibt. Wenn wir lernen, unser Leben nicht mit unnötigen Aktivitäten und Dingen zu überladen, wird der Geist so ruhig und klar, dass wir sogar zukünftige Ereignisse vorher sehen können oder sogar zukünftige Leben. Eine wunderbare Fähigkeit, um auf jeder Stufe des Lebens Erfolg zu haben! 57 BLEIB SAUBER II.40-41 Bleibst Du selbst sauber, wirst Du Dich nie in schmutziger Gesellschaft befinden. Wahrheit, Reinheit, liebevolle Gedanken, ein fokussierter Geist und die Meisterschaft über Deine Sinne sind die Voraussetzungen, um Dein wahres Selbst zu sehen. Shauchat svanga jugupsa parair asansargah. Sattva shuddhi saumanasyaikagryendriya jaya-atma darshana yogyatvani cha. Wenn Du dabei bleibst und Dir selbst offen eingestehst, wieviel Leid ständig um uns herum geschieht, dann wird selbst ein einfacher Spaziergang auf einer belebten Straße geradezu überwältigend: In einer einzigen Stunde laufen hunderte von Menschen an uns vorbei, die hilflos diesem Leid ausgeliefert sind und sowieso bald nur noch aus leblosen Körpern bestehen. Wenn wir allerdings eine saubere und ernsthafte spirituelle Praxis beibehalten, dann wird uns unsere Gewohnheit, nach möglichen Engeln Ausschau zu halten, uns letztendlich auch zu einem solchen Zusammentreffen führen. Engel existieren tatsächlich. Die Idee scheint Euch zwar sicher ein wenig hergeholt, doch bezeugen die Malereien und Beschreibungen von ihnen, dass sie irgendwer irgendwann angetroffen haben muß. Sollte die Geschichte mit den Samen wirklich funktionieren und Ihr sie bis zu ihren Grenzen ausreizt, dann ist es nur eine logische Folge, dass Ihr irgendwann nur noch von solchen Wesen umgeben sein werdet. Mentale Reinheit und physische Einfachheit führen zu einer gelassenen Geisteshaltung, bei der wir nicht länger von Essens- oder Sex-Excessen abhängig sind. Nur wenn das Seewasser ganz ruhig ist, können wir den Mond darin in völliger Klarheit sehen: Die absolute Wirklichkeit, die Leerheit. 58 DER WEG ZUM GLÜCK II.42-43 Bleibst Du zufrieden, erreichst Du unübertreffliches Glück. Spirituelle Mühen zu umarmen zerstört Deine Unreinheiten. Sie erlauben Dir, Deinen Körper und Deinen Geist zu meistern. Santoshad anuttamah sukha labhah. Kayendriya siddhir ashuddhi kshayat tapasah. Willst Du reich werden? Das geht ganz leicht. Sammle nur zielgerichtet die notwendigen karmischen Samen an, um Dich als reich erleben zu können. Dann wird es auch so geschehen. Also wird man, so paradox das klingen mag, nur dadurch reich, indem man viel an andere abgibt, ganz gewissenhaft und mit dem Ziel vor Augen. Wenn die Saat dann reift, kommt Deine ganze Großzügigkeit als Reichtum zu Dir zurück. Doch bist Du dann wirklich glücklich? Ihr seht, die Saat für Reichtum und die für Glück sind zwei ganz unterschiedliche Samen. Das erklärt auch, warum reiche Menschen oftmals so unglücklich erscheinen. Die Zufriedenheit kommt von einem ganz anderen Samen: Wir trainieren uns darin, mit jeder materiellen Situation zufrieden zu sein. Dieser reift dann als völlige Zufriedenheit an und ist ein Vielfaches mehr wert als die Saat für den materiellen Wohlstand. Eine Person, die zufrieden mit einem einfachen Leben ist, hat den Reichtum bei weitem übertroffen. Es gibt dafür keine bessere Lehre als in schwierige Situationen zu kommen und sich dadurch weiter zu entwickeln. Karmisch gesehen, bringt die Entscheidung, sich für etwas Bedeutungsvolles zu engagieren, eine ganze Menge alte, äußerst negative Samen zur Reifung. Allerdings sind diese hochgekommenen negativen Samen viel sanfter gereift, als sie das normalerweise aufgrund ihrer Ursache gewesen wären. Es ist wie die Unbequemlichkeit, einen Flug zu verpassen, der hinterher in einem tödlichen Desaster endet. 59 DEIN SCHUTZENGEL II.44-45 Durch regelmäßiges Studium wirst Du den Engel Deiner kühnsten Träume treffen. Wenn Du um die Segnungen Deines Meisters ersuchst, erlangst Du die endgültige Meditation. Svadhyayad ishtadevata sampraYogah. Samadhi siddhir ishvara pranidhanat. Das strenge Studium der spirituellen Klassiker und um Mitternacht noch seine letzte Energie in Gegenwart großer Meister zu mobilisieren, entspricht nicht gerade dem heutigen Zeitgeist. Wahrscheinlich bedeutet Wissensvermittlung heute eher ’Universität‘ und deren Bestätigung ’Zeugnisse‘. Es ist nicht mehr die enge Beziehung und Hingabe zu einem großen Lehrer oder Lehrerin. Auf jeden Fall wird ein wirklicher Meister von uns verlangen, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Beim Yoga bedeutet das eine Untersuchung unserer Schwächen, die Freude, dazu zu stehen und sie auszurotten. Während wir nach und nach unser mentales Lager mit einer immer größeren Anzahl von reinen Samen auffrischen, begegnen wir unseren Meistern sogar in weitaus höheren Formen. An einem bestimmten Punkt erscheinen sie uns als vollkommene Engel, der uns persönlich zu unserem endgültigen Paradies begleitet. Das sind keine entrückten Wunschträume, sondern klare, kalte Fakten. Sie sind das unausweichliche Resultat von unserem Einsatz, mit der Saat in unserem Geist aufzuräumen. 60 KÖRPER YOGA II.46-47 Die Körperübungen erzeugen ein bleibendes Wohlgefühl. Das geschieht durch ein Gleichgewicht von Anstrengung und Entspannung und endlos viele ausgewogene Meditationen. Sthira sukham asanam. Prayatna shaithilya-ananata samapattibhyam. Diese Zeilen sind die Quelle für die Yoga-Übungen, wie wir sie heutzutage kennen. Ursprünglich bedeuteten sie eigentlich unterschiedliche Formen von Meditations-Haltungen. Einige zusätzliche Übungen lieferten Kraft und Flexibilität, um für eine lange Zeit regungslos in der Meditation sitzen zu können. Diese Herangehensweise entstand durch die Ansicht, von außen, mit dem Körper, auf Herz und Geist einzuwirken. Durch die verschiedenen spezifischen Körperhaltungen bearbeiten wir die inneren Kanäle. Das ermöglicht den Fluss der inneren Winde, prana genannt. Weil sich unsere Gedanken in Verbindung mit dem prana innerhalb der Kanäle bewegen, bringen wir durch die Nutzung des Körpers mehr liebende Güte und Wissen in unseren Geist. Meditation ist ein Gleichgewicht zwischen mentaler Lethargie und Hyperaktivität. Es ist ein schwieriger Prozess von Korrektur und Gegen-Korrektur, vergleichbar mit den leichten links-rechts-Bewegungen am Lenkrad, die wir beim Autofahren ständig ausführen. Durch die Praxis lernen wir, eine gerade Spur beizubehalten. Dann können wir mit der Anstrengung etwas nachlassen und in der angestrebten Richtung fortfahren, denn schließlich soll die Korrektur nicht zur Ablenkung von der eigentlichen Meditation werden. Mit regelmäßiger Übung erlangen Körper und Geist dann einen ausgeglichenen und angenehmen Zustand, der tatsächlich anhält. Ein noch größeres Wohlgefühl stellt sich ein, wenn die Kanäle sich in Licht umwandeln. 61 DIE ILLUSION DER FREIEN WAHL II.48 Es wird eine Zeit kommen, da werden Dich die Unterschiede nicht länger quälen. Tato dvandva-anabhighatah. Wie soll diese Umwandlung genau stattfinden? Im nächsten Kapitel erfahren wir, dass es drei maßgebliche Wind-Kanäle im Körper gibt. Der mittlere Kanal folgt dem Verlauf der Wirbelsäule. Links und rechts davon befinden sich die beiden anderen. Erinnert Euch an den Großen Fehler: Unser Versuch, etwas mit den falschen Mitteln zu erreichen, gleicht dem Kind, das den bösen Mann auf der Leinwand schlägt. Das wiederum setzt die Saat für unsere geplagte Welt. Wenn wir nun eine Situation mit dem falschen Verständnis sehen, sind nur die Seitenkanäle aktiv, denn unsere missverstehenden Gedanken laufen allein durch diese zwei Kanäle. Die unglaubliche Magie vom Yoga besteht darin, dass es tatsächlich die negativen Gedanken durch die körperliche Ebene angreift. Die Übungen lösen die Blockaden in den Seitenkanälen auf. Diese Blockaden verursachen die Sicht der Dinge in einer polarisierten Form: Die Wahl zwischen dieses und jenes, ich und Du; das, was ich will, gegenüber dem, was ich nicht will. Brechen die Blockaden auf, wird das, was Du willst zu dem, was ich will und wir beide sind frei. 62 ATEMSTILLSTAND II.49 Der Atem ist dann kontrolliert, wenn Du dort verbleibst und Dein Atem nicht mehr ein- und ausgeht. Tasmin sati shvasa prashvasayor gati vichedah pranayamah. Bei richtig ausgeführtem Yoga öffnen sich die Seitenkanäle. Das verursacht tatsächlich, dass wir wesentlich klarer und freundlicher denken. Wenn nicht, machst Du etwas falsch. Hinter allem steht die Selbstdisziplin und die Verpflichtungen. Das sind die Samen, die die Yoga-Stellungen erst formen. Sorge ich jeden Tag für andere? Zusätzlich zu den physischen Übungen, die die Kanäle öffnen, gibt es eine ganze Wissenschaft des Atmens, das die inneren Winde beeinflusst. Obwohl der Atem nicht der innere Wind ist, sind beide tief miteinander verbunden. Was auch immer dem einen passiert, schwingt in Resonanz mit dem anderen, wie die Saiten einer Gitarre bei den gleichen Noten. So arbeiten wir in der einen Richtung von außen nach innen. Dabei können wir in einer Meditations- oder Yoga-Haltung verweilen und unseren Atem meistern. Das entspannt die inneren Winde: Wenn das Pferd steht, ist auch der Reiter in Ruhe. Von innen nach außen wiederum können wir die Gedanken beruhigen und damit ebenso die Winde: Wenn der Reiter ruhig ist, ist es das Pferd ebenso. Ein völlig ruhiger und richtig ausgerichteter Geist bringt die negativen Gedanken zum kompletten Stillstand. In diesem Moment hält auch der äußere Atem an. 63 DAS ATMEN II.50 Halte Dein Augenmerk auf den Atem: außer- oder innerhalb, angehalten oder ausgetauscht. Beobachte auch den Raum im Körper, die Dauer und die Anzahl. Lang und fein. Bahya-abhyantara stambha virttih desha kala sankhyabhih paridirshto dirgha sukshmah. Der Atem ist also mit den inneren Winden verbunden, diese wiederum mit unseren Gedanken. Das bedeutet, wenn wir unser Augenmerk verstärkt auf unseren Atem richten, sowohl bei den Yoga-Übungen als auch während des ganzen Tages, dann können wir unseren Geisteszustand beobachten und den Zustand in den zwei problematischen Kanälen. Wenn Du darüber nachdenkst, wirst Du fest stellen, dass der Atem an drei verschiedenen Orten sein kann: entweder ganz draußen, wenn der Atem einen Moment innehält, oder ganz innen, wenn er wieder einen Moment anhält, oder er befindet sich zwischen diesen beiden Situationen. In der Meditation, in einer Yoga-Stellung und auch mit unserem Chef wollen wir unseren Atem so tief und langsam wie nur möglich halten. Die Ein- und Ausatmung sollte gleichmäßig sein. Das hält die inneren Winde ruhig und dadurch unseren Geist klar und ausgerichtet. Sind wir nervös oder aufgeregt, geht gewöhnlich der Atem viel schneller ein als aus. Um diese Situation zu ändern, zählen wir die Sekunden für beide Atem-Richtungen, bis sie wieder gleichmäßig verlaufen. Dann verlängern wir die Ausatmung sogar noch weiter. Aufgrund der Verbindung der inneren Winde und der Gedanken, können wir mittels richtiger Übung auch den Atem mental zu bestimmten inneren Blockaden schicken. Die inneren Winde werden folgen. 64 AUF EINEN FOKUS GERICHTET ATMEN II.51-53 Im vierten Stadium hat man das Äußere, das Innere und selbst das Erlebnis aufgegeben. Dann kann man den Vorhang zerstören, der das Licht verdeckt. Der Geist ist bereit. Bahya-abhyantara vishaya kshepi chaturthah. Tatah kshiyate prakasha-avaranam. Dharanasu cha yogyata manasah. Der Atem kann also außen oder innen sein oder sich dazwischen bewegen. Doch es gibt noch eine vierte Variante: Wenn der Atem komplett zum Stillstand kommt. So etwas ähnliches erleben wir zum Beispiel, wenn wir ein wirklich gutes Buch lesen oder versuchen, einen ganz leisen Ton zu vernehmen. Je mehr wir uns konzentrieren, umso ruhiger werden unsere inneren Winde und somit auch der Atem. Wenn der Atem für eine längere Zeit ausbleibt, dann aus zwei Gründen: Entweder ist der generelle Fokus vollkommen oder wir haben genau die Denkweise und Winde zerstört, die den Schleier des Großen Fehlers geschaffen haben. Natürlich kann uns das Erste unterstützen, um zum Zweiten zu kommen, aber es ist eigentlich das Zweite, was wir wirklich wollen. Es ist das, was Meister Patanjali ganz zu Anfang als das eigentliche Yoga definiert hat. Alle physischen Yoga-Übungen sind darauf ausgerichtet, die Seitenkanäle zu befrieden. Das ermöglicht uns, die absolute Wirklichkeit zu sehen. Letztendlich verwandelt das unseren Körper in Licht. Als Engel erscheinen wir, wo immer wir gebraucht werden. Solche Ergebnisse des physischen Yoga, besonders der Atem-Übungen, erreichen wir nur nach regelmäßiger Arbeit unter Anleitung von qualifizierten Lehrern. Es sind Yoga-Lehrer, die wiederum von großartigen Meistern einer authentischen Tradition angeleitet worden sind. Qualifizierte Lehrer sind Personen, die offensichtlich selbst eine gute Praxis beibehalten und entsprechende Ergebnisse erzielt haben. Versuche nicht, Übungen ohne Anleitung zu erzwingen und sie dadurch nicht richtig auszuführen, denn Du kannst damit Deinem Körper oder Geist Schaden zufügen. Erfolg tritt garantiert und ganz natürlich ein, aber nur mit der richtigen Saat, dem Yoga von Disziplin und Verpflichtungen. 65 DIE BEFREIUNG VON DER HERRSCHAFT DER STIMULATION II.54-55 Lerne, deinen Geist von den physischen Sinnen zurück zu ziehen. Befreit von den Banden zu den äußeren Objekten kann der Geist in seiner eigenen, wahren Natur ankommen. Damit erreichst Du die größte Kontrolle des Geistes. Svavishaya-asamprayoge chittasya svarupa-anukara ivendriyanam pratyahara. Tatah parama vashyatendriyanam Damit haben wir die ersten vier der fünf “äußeren” Glieder des Yoga erreicht: Selbstdisziplin, Verpflichtungen, Yoga- und Atemübungen. Der Fortschritt ist offensichtlich. Ein Beispiel: Allein die Sorge darum, anderen nicht zu schaden und gezielt gute Samen setzen ist der einzige Weg, erfolgreich in den Yoga-Übungen zu sein. Doch durch die Kontrolle des Atems, greifst Du in das System ein. Das ermöglicht Dir wiederum, tatsächlich gut zu den anderen zu sein. So unterstützt jedes der acht Glieder das andere. Gemeinsam schaffen sie die sich selbst erhaltende Aufwärtsspirale unseres Lebens. Nochmals, unsere physischen Sinne sind wundervolle Werkzeuge und es ist wunderbar, eine Pizza oder ein Eis zu essen. Um einen signifikanten Fortschritt zu machen, ist es allerdings notwendig, diese Sinne sehr genau und einfühlsam an zu leiten Genieße das Lied in vollen Zügen und schalte dann das Radio ab, noch bevor es sich zu einem reinen Hintergrund-Geräusch verwandelt. Führe Deine Yoga-Übungen zwar bescheiden, aber regelmäßig aus. Dann wirst Du schließlich Sehnsucht nach der Sorte und Menge von Essen bekommen, die für Dich am gesundesten ist. Kultiviere die Kunst der glücklichen Stille, an der Du dich mit Deinen Freunden erfreust. Letztendlich wird Dich all das zu der höchsten Form der Stille führen: Die unmittelbare Verbindung mit dem Absoluten. DRITTER ECKPFEILER DAS KAPITEL ÜBER DIE PRAXIS 66 FOKUS UND VERWEILEN III.1-2 Den Geist an ein Objekt zu fesseln, ist Fokus. Eine lange Zeit an dem Objekt zu verweilen, das ist die Fixierung. Desha bandhash chittasya dharana. Tatra pratyayaika dhyanam. Der dritte Eckpfeiler des Yoga besteht aus den drei inneren Gliedern, oder Übungen, zusammen mit ihren praktischen Anwendungen. Am Ende des letzten Kapitels haben wir gelernt, unsere Sinne zu kontrollieren, was uns automatisch zum Fokus führt. Es ist vergleichbar mit dem Auffinden eines Freundes in der Menschenmenge am Bahnsteig. Auf einer Ebene konzentriert sich der Geist dadurch auf ein einzelnes Objekt, indem er alle anderen in dessen Umfeld ausfiltert. Alle anderen, die nicht zutreffen, sind das Gegenteil von Deinem Fokus-Punkt. Du schaust in die Gesichter der Menge und schärfst Deinen Blick immer mehr für das Gesicht Deines Freundes. Je mehr Gesichter wir zu durchforschen haben, umso schwieriger wird die Suche. Je mehr Ihr in Eurer Wohnung habt, je mehr unwichtige Aktionen, die Ihr den Tag über ausführt, je mehr unbrauchbare Nachrichten Ihr gehört habt und je mehr Ihr Euch mit Freunden für unbedeutendes Gerede trefft, umso weniger seid Ihr in der Lage, zu fokussieren. Wenn wir einmal einen einzigen Punkt erreicht haben, dann ist es notwendig, dort zu verweilen. Normalerweise bewegen wir uns auf einer Gratwanderung zwischen den tausend Ablenkungen auf der einen und einer seligen Lethargie auf der anderen Seite. Sich des Todes bewusst zu sein hilft gegen zu viel Ablenkung, sich seiner eigenen Bestimmung im Klaren zu sein, reißt uns aus der Schläfrigkeit. 67 DAS KLARE LICHT III.3 Vollendete Meditation erkennt dieses Eine als sein reines Selbst, als sein klares Licht, völlig frei von jeglicher Eigen-Natur. Tad eva-artha matra nirbhasam svarupa shunyam iva samadhih. Nach einer bescheidenen, doch regelmäßigen, täglichen Praxis der Meditation unter der Anleitung eines qualifizierten Lehrers ist es geradezu unvermeidbar, dass wir eine völlige Stille unseres Geistes erreichen. Es ist ein Fokus, der vollständig gefestigt ist. Das Ende des Großen Fehlers ist vergleichbar mit dem Fällen eines riesigen Baumes. Ein vollkommener Fokus und dessen Fixierung gleichen zwei starken Armen. Doch ungeachtet dessen, wie stark sie sind, können wir den Baum damit nicht einfach umwerfen. Wir benötigen auch noch eine scharfe Axt. Für eine vollkommene Meditation, reicht es nicht, sich nur auf etwas, sagen wir mal den Atem, zu konzentrieren. Denn selbst dann machen wir immer noch den tödlichen Fehler. Den gilt es, zu korrigieren, sonst gelangen wir unerfüllt an das Ende unseres Lebens. Wenn wir meditieren, bemühen wir uns darum, das zu sehen, - ja, was fehlt, was gar nicht vorhanden ist. Wir suchen die Erkenntnis, dass nichts wirklich ist. Das bedeutet, dass selbst das Feuer die Hitze niemals aus sich heraus besitzt. Ich bin es, der oder die das Feuer heiß macht. 68 DAS AUGE DER WEISHEIT III.4-8 Wenn diese Drei als Eines zusammen wirken, nennen wir es “die kombinierte Anstrengung.” Wenn Du diese Fähigkeit meisterst, erlangst Du das Auge der Weisheit. Dieses ist in verschiedene Ebenen unterteilt. In Bezug zu den vorhergegangenen sind diese drei die “inneren” Glieder. Doch sie sind auch gleichzeitig “äußere” Glieder, wenn man sie mit dem Stadium vergleicht, in dem die Samen gänzlich entschwunden sind. Trayam ekatra sanyamah. Taj jayat prajnya-alokah. Tasya bhumishu viniYogah. Trayam antar angam purvebhyah. Tad api bahir angam nirbijasya. Eine mit starken Armen erhobene Axt besitzt eine nicht zu verneinende Kraft. Du hast die Fähigkeit, Deinen Geist auf einen einzelnen Punkt zu konzentrieren und ihn dort unbewegt für eine Stunde oder länger verweilen zu lassen. Zur gleichen Zeit hast Du völlig durchdrungen, woher das, worauf Du Dich konzentrierst, abstammt und woher es nicht kommt. Diese Drei zusammen – Fokus, Verweilen und Weisheit – retten als kombinierte Anstrengung Dir buchstäblich das Leben, Dir und vielen anderen. Nun besitzt Du eine wahrhaft machtvolle Waffe, die einzige, die das Leid unserer Welt zerstören kann. Das ist das Auge der Weisheit, das metaphorische dritte Auge, das Licht des Wissens in unserem tiefsten Innern. Die Drei beginnen als eine intellektuelle Erfahrung und werden dann zu einer direkten oder absoluten Wirklichkeit. Sie verbinden sich mit der ultimativen Liebe und leiten uns zu immer höheren Stufen des Gebens, des ethischen Lebens, der Geduld, Anstrengung, Konzentration und der Erkenntnis Verglichen mit dem, was wir jemals gewesen sind, selbst während der ersten fünf Praktiken des Yoga, ist die Verbindung dieser Drei das Wertvollste der Welt. Doch selbst diese gleichen der Entwicklung eines Kindes, wenn wir betrachten, wohin sie uns noch führen werden 69 ENDEN DIE GEDANKEN? III.9-10 Das Anhalten geschieht abhängig davon, ob die Samen für das Erheben oder darin Verweilen unterdrückt sind oder sich manifestieren. Seine Dauer folgt allerdings dem Geist. Das nennen wir “die Umwandlung durch das Anhalten”. Das Ende oder das Auslöschen des Negativen hängt ebenso von den Samen ab. Vyutthana nirodha sanskarayor abhibhava pradurbhavau nirodha kshana chitta-anvayo nirodha parinamah. Tasya prashanta vahita sanskarat. Wie arbeitet das Team von vollkommener Ruhe und messerscharfer Weisheit zusammen? Eines Tages, nach intensiver Praxis, Studium und Ansammlung der entsprechenden Saat durch das Engagement für andere, erfahren wir eine außergewöhnliche Meditation. Außerhalb von Zeit und Raum kommunizieren wir zum ersten Mal mit der absoluten Wirklichkeit. Nach einer Weile kehren wir davon zurück. Es gibt eine ähnliche, doch wesentlich weniger bedeutende Erfahrung. Das ist eine tiefe, nahezu bewusstlose Meditation. Stunden später erwachen wir von dieser Meditation, doch uns scheint nur ein Moment vergangen zu sein, so, als ob unser Geist ausgesetzt hätte. Natürlich hat er nicht ausgesetzt. In der erst genannten, höchsten Form der Meditation, hat der Große Fehler tatsächlich für eine Weile ausgesetzt. In der zweiten war nur unser oberflächliches Bewusstsein für eine Weile ausgeschaltet. In beiden Fällen können wir nur solange verweilen, wie es unsere Saat erlaubt. Es gibt keine bewusste Anstrengung, um daraus zu erwachen. Den Großen Fehler, wenn auch nur für einen Moment, vollständig auszusetzen, beendet einige negativen Einstellungen für immer. Doch, wie gesagt, hängt dieses Aussetzen von der entsprechenden Saat ab. Durch Ruhe und Weisheit verwandelt sich die Meditation der unterbrochenen Gedanken in die erhabene Meditation des unterbrochenen Großen Fehlers. 70 ANFANG UND ENDE III.11-12 Was wir die “Umwandlung der Meditation” nennen, ist der auf den Punkt gerichtete Fokus bezüglich eines Objektes. Die Gedanken setzen entweder aus oder kehren zurück. Wieder hängen sie von den beiden Faktoren ab. Was wir die “Umwandlung des punktgenauen Fokus” nennen, ist die Geistesverfassung, in der der Geist selbst entweder ruht oder sich erhebt, wiederum entsprechend eben dieser beiden Faktoren. Sarva-arthaika-agra tayoh kshayodayau chittasya samadhi parinamah. Tatah punah shantoditau tulya pratyayau chittasyaika-agrata parinamah. Wir können durchaus tiefe Stadien der Meditation erleben, in denen die Gedanken still sind. Doch ist es von zentraler Bedeutung, diese Stille auch wirklich in solche Fähigkeiten umzuwandeln, tatsächlich Leid zu beenden und selbst den Tod ebenso zu überwinden. Wie lange können wir in einer solchen Situation mit dem nicht vorhandenen Großen Fehler verweilen? Beim ersten Mal sind es nur ein paar Minuten. Unsere reinen Samen sind immer noch zu schwach, um diesen Ausschluss beizubehalten. Sie werden verbraucht, die Nicht-Existenz endet und der Große Fehler kehrt trotz all unserer Bemühungen zurück. Während dieser wenigen Minuten haben andere kraftvolle, doch ebenso empfindliche, Samen die meditative Weisheit und fokussierende Stille aufrecht erhalten. Diese Samen sind es, auf die sich unser Team von Weisheit und Ruhe stützt. Doch es existiert auch in völliger Abhängigkeit seiner Saat und die Saat sprießt und verblüht. Wir wandeln dieses Paar um, wenn wir es auf sich selbst anwenden, wenn wir fest stellen, dass unsere Erkenntnis nur so lange andauern kann, so lange unsere Samen dafür existieren. Das führt uns wieder zu den ersten beiden Gliedern des Yoga, die Samen durch unsere Fürsorge für andere zu pflanzen. 71 WEDER EIN ANFANG NOCH EIN ENDE III.13-15 Sie werden “Umwandlungen” genannt, weil sie die eigentlichen Bedingungen der qualitativen Existenz ändern, unabhängig davon, ob es externe Objekte oder innere Kräfte sind. Sie folgen dem, was alle besitzen: Der Tatsache, dass man weder ihren Anfang noch ihr Ende erfassen kann. Die Gründe für ihre neuen Zustände werden durch die Transformation verursacht. Etenu bhutendriyeshu dharma lakshana-avastha parinama vyakhyatah. Shantodita-avyapadeshya dharma-anupati dharmi. Krama-anyatvam parinama-anyatve hetuh. Das reine Verstehen kann seine eigene Bedingung verwandeln, das ist entscheidend. Jemand, der wirklich versteht: Äußere physikalische Elemente wie Wasser zum Beispiel, können ihre Bedingung ändern und so fest werden, dass wir darauf laufen können. Durch das Verstehen der Sinnesorgane wie zum Beispiel den Seh-Sinn, können wir die ganze Welt sehen oder Blinde heilen. Solche Verwandlungen sind nur möglich, weil alles in Abhängigkeit von etwas anderem existiert. Daher kann auch nichts beginnen oder ein Ende haben. Auch durchläuft es keine andere Phase, wie das Verweilen, zum Beispiel. Richte deinen Geist auf genau diesen Moment, da Du das – Wort - liest. Doch, genau genommen, gab es einen Teil des Momentes, da Du das W gesehen hast, und einen anderen Teil, in dem Du aufgehört hast, das W zu lesen. In dieser Form geht das weiter, endlos. Wir können gar nicht sehen, was wir sehen, weil es keinen Punkt gibt, an dem wir tatsächlich damit begonnen haben. Wenn wir Worte sehen, was wir ja tun, dann aus dem einzigen Grund, weil unser Geist sie genau hier auf diese Seite gesetzt hat. 72 DIE FÄHIGKEIT, DIE WELT ZU RETTEN III.16-18 Die Umwandlung der kombinierten Anstrengung erlaubt Dir, sowohl Vergangenheit als auch die Zukunft zu sehen. An einem bestimmten Punkt kannst Du die Verwirrung lösen, in der Begriffe und Objekte miteinander vertauscht sind. Wenn Du die kombinierte Anstrengung genau darauf richtest, dann wirst Du alle existierenden Sprachen sprechen können. Wenn Du es als gegenwärtigen Samen manifestieren lässt, dann erlaubt er Dir, alle vergangenen Leben sehen zu können. Parinama traya sanyamad atita-anagata jnyanam. Shabda-artha pratyayanam itaretara-adhyasat sankara tat pravibhaga sanyamat sarva bhuta ruta jnyanam. Sanskara sakshat karanat purva jati jnyanam. Wenn tatsächlich etwas beginnt, dann nur deshalb, weil wir ein mentales Bild auf ansonsten voneinander unabhängige Microsekunden projizieren. Wenn dann etwas entsteht, nachdem es mit dem Anfangen aufgehört hat, stammt auch das nur von unserer Projektion. Wenn Du diesen Zusammenhang wirklich durchdrungen hast, kannst Du Steine in Gold verwandeln. Doch würdest Du das wollen? Angesichts all dieser unerträglichen emotionalen und körperlichen Qualen, die jeder einzelne auf dieser Welt zu erleiden hat, gibt es doch keine andere Möglichkeit, als das beenden zu wollen. Daher beginnen wir nun mit der Anleitung, wie man mit der Verbindung von Stille und Weisheit die Macht eines Engels erlangen kann. Wenn ein bestimmter Moment nur als Wahrnehmung existiert, dann verhält es so auch mit allen anderen Momenten. Daher könnten wir in der Zeit sowohl voraus als auch zurück schauen, um Menschen zu unterstützen. Auch werden wir lernen, dass wir fälschlicher Weise unsere mentalen Bilder für die “tatsächlichen“ Objekte halten. Da diese Bilder den Worten entsprechen, werden wir Macht über die Worte erlangen, die Fähigkeit, alle in ihrer eigenen Sprache anzusprechen und sie anleiten zu können. Und durch die Verwandlung von vergangenen und zukünftigen Samen in die Gegenwart können wir den Menschen alle Ereignisse des Lebens besser erklären. Dadurch können sie wiederum leichter begreifen, wie alles davon abstammt, wie wir andere behandelt haben. 73 GEDANKEN LESEN III.19-20 Mit der notwendigen Voraussetzung können wir die Gedanken der anderen lesen. Das geschieht nicht durch diejenigen, in denen die Gedanken begründet sind, weil es dann nicht ihre Erfahrungen sein könnten. Pratyayasya para chitta jnyanam. Na cha tat sa-alambanam, Tasya-avishaya bhutatvat. In den vorangegangenen Kapiteln sprachen wir über die Stufe des Sehens: Der kurze Moment, in dem wir mit der absoluten Wirklichkeit in Kontakt treten. Während der darauf folgenden Stunden besitzen wir kurzzeitig die Fähigkeit, Gedanken anderer zu lesen. Auf der nächsten Stufe unserer Entwicklung wird diese Fähigkeit immer konstanter. Wie schon erwähnt, ist es nicht so, dass wir die geistigen Samen, die von anderen verursacht worden sind und sich in ihrem Geist befinden, teilen können. Die Saat in unserem Geist kann nur durch uns und unser Verhalten anderen gegenüber gelegt werden. Wenn das nicht so wäre, befänden wir uns jetzt nicht hier in dieser unheilvollen Welt. Die Meister der Vergangenheit hätten längst mit uns in ihrem grenzenlosen Mitgefühl ihre vollkommene Saat geteilt. Daher können wir nur aufgrund unserer eigenen Samen die Gedanken der anderen lesen. Käme es von ihrer Saat, könnten sie diese Gedanken nicht haben Die Gedanken anderer Menschen zu lesen, oder auch es nur ernsthaft zu versuchen, ist eine grundlegende Fertigkeit, wenn wir ihnen etwas Wertvolles zu vermitteln haben. Wir könnten kurz nachschauen, was ihnen Freude macht, was sie sich erhoffen und auch ihre momentane Kapazität auf ihrem eigenen Weg erkennen. 74 DIE MACHT DER UNSICHTBARKEIT III.21-22.1 Wenn jemand die kombinierte Anstrengung auf die sichtbare Form des Körpers verwendet, kann die Person die Unsichtbarkeit erlangen. Das Auge verliert den Kontakt zur Erscheinung des Objektes und die Kraft, um nach dem Objekt zu greifen, ist verschwunden. Die Macht, Geräusche und auch den Rest auszuschalten, werden in gleicher Weise erklärt. Kaya rupa sanyamat tad grahya shakti stambhe chakshuh prakasha-asamprayogentardharam. Etena shabdadyantardhanam uktam. Personen, die auf ihrem Weg bereits fortgeschritten sind, erlangen die Fähigkeit, unsichtbar zu werden, wann immer sie das wünschen. Auch das ist eine Frage des bewussten Einsetzens der Kenntnis, wie die einzelnen Elemente, die Farbe und Form des eigenen Körpers, vom eigenen Geist als ein Objekt zusammengesetzt werden. Natürlich kann es nur durchgeführt werden, wenn die entsprechenden Samen dafür gesetzt worden sind. Und das kann wieder nur durch die Güte zu anderen passieren. Gut genug, um sie zu sehen, wenn sie Dich nicht sehen, falls ihnen das hilft. Wir sollten hier erwähnen, dass nicht jeder, der die Möglichkeit wie die Unsichtbarkeit besitzt, vollständig versteht, woher diese Kräfte kommen, wie sie beibehalten werden und wie sie einzusetzen sind, um andere optimal unterstützen zu können. Vielleicht passiert mal ein Wunder, weil alte Samen reifen, doch ohne Verständnis des Vorgangs werden wir nicht in der Lage sein, ihn zu wiederholen. Diejenigen, die sehr regelmäßig meditieren, selbst wenn sie die Meditation nutzen, um einfach nur für eine Weile Abstand zu nehmen, können kurzzeitig ein paar solcher Kräfte erlangen. Das liegt daran, dass wir in tiefer Meditation nicht diese negativen Handlungen und Gedanken gegenüber anderen entwickeln können, die uns von solchen Fähigkeiten abhalten. 75 WOHIN FÜHRT DAS? III.22.2 Wenn Du die kombinierte Anstrengung auf die karmischen Samen ausrichtest, diese, die sich öffnen und jene, die sich nicht öffnen werden, dann erlangst Du die Fähigkeit, ihr endgültiges Resultat zu erkennen. Das kann auch durch das Lesen von Omen geschehen. Sopakramam nirupakramam cha karma tat sanyamad aparanta jnyanam. Arishtebhyo va. Du kaufst Deiner Schwiegermutter eine Bade-Matte in der Hoffnung, ihr eine Freude zu machen. Am nächsten Tag rutscht sie darauf aus und verletzt sich. Inzwischen wissen wir genug darüber, wie es tasächlich funktioniert. Wir haben verstanden, dass sie nicht wegen der Bade-Matte ausrutschte, sondern wegen einer früheren, unheilvollen Handlung. Unsere guten Absichten können nicht falsch laufen. Der Wunsch, ihr etwas Gutes zu tun, wird viel Gutes in der Zukunft bringen. Das ändert nicht die Tatsache, dass es schön wäre, die genauen zu erwartenden Resultate von jeder einzelnen Handlung zu kennen. Jemand, der durchdrungen hat, wie diese Samen funktionieren, kann erkennen, welche der Samen in unserem Lager sich öffnen und sprießen werden und welche für immer verschlossen bleiben. Allein das Missverständnis darüber, wie die Samen wirken, ist der Grund dafür, dass die unreine Saat überhaupt zum Leben erwacht. Es gibt bestimmte Methoden, um Omen für die Vorhersage des möglichen Geschehens zu nutzen. Eine davon ist, den Schatten einer Person zu beobachten, um ihren Tod vorherzusehen. Letztlich funktioniert das aber auch nur, wenn wir von der Fürsorge für andere die richtigen Samen für eine solche Handlung haben. 76 DIE WAHRE QUELLE DER MACHT III.23-25 Die Macht kann nur in der Liebe und dem ihr Entsprechenden gefunden werden. Dieser Macht liegen alle Kräfte zu Grunde, die eines Kriegs-Elefanten zum Beispiel. Wenn Du Dein Auge auf die wahren Gründe setzt, dann gewinnst Du die Fähigkeit, selbst subtile Dinge in großer Distanz wahrzunehmen. Maitryadishu balani. Baleshu hasti bala-adini. Pravirttyaloka nyasat sukshma vyavahita viprakirshta jnyanam. Inzwischen ist offensichtlich, dass die außerordentlichen, unerwarteten Kräfte, die wir erstreben, um andere am besten unterstützen zu können, von den richtigen Samen stammen. Daher erinnert uns der Meister hier an die effizientesten Möglichkeiten, gute Samen zu pflanzen: Die vier unermesslichen Gedanken vom ersten Kapitel. Unermessliche Liebe, die jedem lebenden Wesen alles, was das Herz begehrt, geben will. Unermessliches Mitgefühl, welches auch den kleinsten Schmerz beseitigen will. Unermessliche Freude, die jeden zu einem höheren Glück führen will als nur der Besitz eines Hauses oder der Genuss eines Kuchens: Zu einem Ort von grenzenlosem Glück, jenseits von aller Angst und Tod. Und den unermesslichen Gleichmut, der das für alle tun will, nicht nur für Freunde und Familie. In Meister Patanjalis Tagen war ein Elefant die ultimative Kriegsmaschinerie, kraftvoll genug, um jedes Hinderniss zu überwinden. Daher wurde eine Person, die spirituelle Vollkommenheit erreicht hat, ein Kriegs-Elefant genannt. Wenn wir uns in diesen Engel verwandeln, haben wir ultimative Kräfte: Ultimatives Mitgefühl, Allwissenheit und die Fähigkeit, immer und überall aufzutauchen, wo Unterstützung nötig ist. Das ist die wahre Fortentwicklung aller Kräfte. Du siehst ein Kind, das Welten entfernt im Begriff ist, hinzufallen und noch bevor Du darüber nachdenkst, hast Du es schon aufgefangen. 77 DER SONNENKANAL III.26 Wende die kombinierte Anstrengung auf die Sonne an und Du verstehst die Erde. Bhuvana jnyanam surye sanyamat. Zurück zum zweiten Kapitel: Als wir über die physischen Yoga-Übungen sprachen, erwähnten wir drei hauptsächliche Kanäle im Körper, durch die sich die inneren Winde oder das Prana bewegen. Das Verständnis dieser Kanäle hält eine weitere Schlüsselstellung inne, denn damit können wir unsere Gedanken, die mit den Winden verbunden sind, kontrollieren. Das heißt, wir arbeiten tatsächlich am Körper, um im Geist den Großen Fehler zu beseitigen. Der Zentralkanal folgt der Wirbelsäule, leicht rechts davon verläuft der Sonnenkanal. An die Winde, die in diesem Kanal fließen, sind unsere “heißen“ negativen Gedanken gebunden: Zum Beispiel Wut, Hass und Eifersucht. Alles, was auf unserer Ablehnung von Objekten, Situationen und Menschen basiert, weil wir nicht verstehen, dass wir sie selbst produziert haben. Die Beruhigung der Turbulenzen der Sonnenkanal-Winde hat das Ende des Missverständnisses unserer Umwelt, der Erde zur Folge. Die Schönheit des Yoga besteht darin, dass wir durch einfache und effiziente Übungen mit diesem Kanal arbeiten. Die Kontrolle des Atems, durchgeführt unter qualifizierter Anleitung, ist eine weitere Methode, um dieses Ziel zu erreichen. Zum Schluss nutzen wir die Teamarbeit der letzten drei Yoga-Glieder – geistiger Fokus, konzentriertes Verweilen und Weisheit – um den Sonnenkanal von innen heraus zu befrieden.. 78 DER MONDKANAL III.27 Du wirst die Sternen-Konstellation begreifen, wenn Du die gleiche Anstrengung auf den Mond richtest. Chandre tara vyuha jnyanam. Zur linken Seite des zentralen Windkanals läuft der Mondkanal. Während der Sonnenkanal blutrot ist, hauptsächlich männliche Energie trägt, außen-orientiert und aktiv ist, so ist der Milch-farbene Mondkanal hauptsächlich voller weiblicher Energie, nach innen gerichtet und dem Denken zugewandt. Innerhalb dieses Kanals verlaufen alle unsere Gedanken, die Vorlieben aus einem falschen Verständnis heraus haben: Zum Beispiel den letzten Streusel für uns selbst nehmen. Wenn unsere Yoga-Praxis die Winde im Mond-Kanal befriedet, ist die Wurzel dieser Geisteshaltung ausgerottet. Wir beenden damit unsere Tendenz, uns selbst, unseren Geist, die kleinsten Partikel und alle Sterne am Firmament als etwas zu sehen, das aus sich heraus entstanden ist, statt von unserer eigenen Saat. Etwas, das es hier zu bemerken gilt: Genau die Samen, die uns selbst schaffen, schaffen auch unsere Welt. Die Samen, die die erste Ebene in uns schaffen, den Sonnen- und Mondkanal, sind auch für unser männliches oder weibliches Geschlecht verantwortlich. Sie schaffen Tag und Nacht, Sonne und Mond, Dich und mich, Erde und Sterne. Die Verfassung unserer Welt ist das vollkommene Abbild der Situation unserer Kanäle und somit auch unserer Herzen. 79 DER KANAL DES POLARSTERNS III.28 Wende die Anstrengung auf den Polarstern an und Du wirst die Zusammenhänge der Sterne verstehen. Dhruve tad gati jnyanam. Der kristallklare Zentralkanal verläuft wie eine Achse durch den Körper. Diese zentrale Linie gleicht der planetaren Achse. Sie folgt unserer Wirbelsäule bis zum höchsten Punkt unseres Kopfes und kurvt dann herunter zu der Stelle zwischen unseren Augenbrauen. Verbunden mit den Winden in diesem Kanal verlaufen unsere guten Gedanken: Die Sorge für andere, beobachten, was sie sich wünschen oder benötigen und als wichtigstes natürlich die Erkenntnis, das diese Gedanken selbst eine buchstäblich vollkommene Welt schaffen werden. In der Gegend unterhalb des Nabels sind diese drei Kanäle miteinander verbunden. Allein schon diese Seite zu lesen zieht die Energie oder Prana aus den problematischen Seitenkanälen und leitet es in den Zentralkanal. Das wiederum lässt uns die Zusammenhänge von Erde und Planeten begreifen. Von Bedeutung ist, dass der eigentliche Zweck aller Yogaübungen darin liegt, die inneren Winde aus den Seitenkanälen heraus und in den Zentralkanal hinein zu führen. Das fördert unseren Fortschritt auf allen fünf Stufen unserer spirituellen Entwicklung, ganz besonders aber die unmittelbare Wahrnehmung der absoluten Wirklichkeit. Wenn alle inneren Winde im Zentralkanal zusammengeführt sind, dann wandelt sich der Körper vom Fleisch zum Licht und Du stehst in allen Welten zugleich. 80 WÜRGEPUNKTE UND CHAKRAS III.29-31 Wende die gleiche Anstrengung auf das Rad am Nabel und Du wirst die Struktur des Körpers verstehen. Wende sie auf den Hals an und Du setzt Hunger und Durst ein Ende. Das ist der sichere Zustand einer Schildkröte. Nabhi chakre kaya vyuha jnyanam. Kantha kupe kshut pipasa nivirttih. Kurma nadyam sthairyam. Während die zwei Seitenkanäle dem zentralen Kanal den Körper hinauf folgen, winden sie sich an bestimmten Punkten wie Schlingpflanzen um ihn. Das verursacht Würgepunkte, die den Fluss der Winde im Zentralkanal behindern. Damit werden die liebevollen und weisen Gedanken, die mit diesen Winden verbunden sind, unterbrochen. Im Verlauf der Entwicklung der inneren Kanäle innerhalb des Fötus baut sich an diesen Würgepunkten Druck auf und die nebenrangigen Kanäle zweigen sich von dieses Stellen ab. Würde man von oben die Wirbelsäule herunter sehen, erschienen diese Stellen wie die Speichen eines Rades. Daher werden sie Chakras genannt, das aus dem Sanskrit stammt und “Rad” bedeutet. So formt sich in der Gebärmutter als erstes das Rad auf Nabelhöhe. Daraufhin entwickelt sich ein ganzes Netzwerk. Das Skelett, die Blutgefäße und das Nervensystem formieren sich dann um die Kanäle herum, so, wie das Eis nach einem Eisregen, das dem Verlauf der Zweige folgt. Das bedeutet, dass alle physischen Krankheiten auf die Kanäle zurück zu führen sind und durch das Verständnis geheilt werden können. Wenn wir unser Verständnis auf das Hals-Chakra anwenden, ermöglicht uns das im Verlauf der Zeit, die Abhängigkeit vom Essen zu überwinden. Wir werden nach und nach unsere fünf Sinne unter Kontrolle haben. Die sind mit den zweitrangigen Winden verbunden, mit dem Schildkröten-Wind zum Beispiel, der für das Hören verantwortlich ist und einen direkten Bezug zur Schildkröten-förmigen Leber hat. 81 ALLES GESCHIEHT DURCH DAS VERSTEHEN III.32-34 Wende es auf die Strahlkraft am höchsten Punkt Deines Kopfes an und Du wirst die Mächte erkennen. Sie entstehen alle durch das vollkommene Verstehen. Wende es auf das Herz an und Du begreifst den Geist. Murdha jyotishi siddha darshanam. Pratibhad va sarvam. Hirdaye chitta sanvit. Die inneren Räder oder Chakras sind also eigentlich Würgepunkte. Wenn wir unsere Weisheit darauf konzentrieren, lockern sich die Knoten, die durch die beiden Seitenkanäle geschlungen werden. Den inneren Wind oder das Prana innerhalb der drei Hauptkanäle kann man sich als feste Größe vorstellen. Ähnlich wie bei diesen Luftballon-Tieren: Drücken wir deren Bauch zusammen, werden die Beine dicker. Durch die Beschäftigung mit diesen Würgepunkten durch Gedanken voller Verständnis und liebevoller Fürsorge verlassen die inneren Winde die Seitenkanäle, wo sie die Knoten verursacht hatten. Das Chakra wandelt sich in ein Zentrum ausgehender Strahlen und tiefen spirituellen Erkenntnissen. Mittels dieser Vorgehensweise können wir die weiße, strahlende und honigartige Substanz im Chakra am höchsten Punkt unseres Kopfes befreien. Das ermöglicht uns, sowohl weltliche als auch übernatürliche Kraft zu entwickeln. Und natürlich basiert alle wirkliche Macht nur auf dem klaren Verständnis der Saat, die die Welt geschaffen hat. Im Chakra des Herzens liegt ein unzerstörbarer Tropfen des Bewusstseins, noch wesentlich kleiner als ein Nadel-Kopf. Darin befindet sich das Lager von Milliarden von Samen, die unser Leben weiter projizieren. Wenn das Herz-Chakra geöffnet wird, bricht die absolute Liebe aus ihm hervor wie eine Explosion kristallfarbenen Lichts. 82 ERKENNE DICH SELBST III.35 Die Ursachen für die Wirklichkeit und die Person, wie sehr diese auch als unterschiedlich erscheinen mögen, sind nicht voneinander verschieden. Wir erleben diese nicht wegen etwas außerhalb von uns, sondern wegen etwas, das von uns selbst stammt. Wende die kombinierte Anstrengung darauf an und Du wirst die Person verstehen. Sattva purushayor atyanta-asankirnayoh pratyaya-avishesho bhogah para-arthatvat sva-artha sanyamat purusha jnyanam. Es ist viel einfacher, an unserem Missverständnis über die äußere Welt, das in dem Sonnenkanal verläuft, zu arbeiten, als das im Mondkanal verlaufende Missverstehen der Person, gemeint sind wir selbst, zu korrigieren. Wenn wir die äußere Wirklichkeit betrachten, einen Stift zum Beispiel, dann können wir uns fragen, was es ist. Ganz automatisch sagen wir: “Ein Stift“. In diesem Bruchteil von einer Sekunde glaubst du auch, dass es vom Objekt aus ein Stift ist. Du denkst, dass das “Stift-Sein“ durch den Stift selbst existiert. Doch wenn wir das gleiche Objekt einem Hund hinhalten, dann sieht dieser Hund nur einen mittelmäßig interessanten Stock, vielleicht etwas, um gut darauf herum kauen zu können. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens erkennen wir, dass keine der beiden Sichtweisen “richtiger“ ist als die andere. Und wir begreifen, dass das “Stift-Sein“ nicht vom Stift ausgeht. “Stift” ist vielmehr ein vollkommenes Bild einer Idee, das von mir auf diesen glänzenden Zylinder projiziert wurde. Welches Bild mir nun erscheint, hängt einzig und allein von meiner Saat ab, davon, wie ich andere behandelt habe. Das ist die eigentliche Ursache, die mich zum Menschen macht und einen Hund zu einem Hund. Selbst die Möglichkeit, darüber zu reflektieren, stammt von den Samen ab. 83 WENN AUS ZWEIEN EINES WIRD III.36-37 Damit entwickelst Du die übernatürliche Fähigkeit des Gehörs, der Berührung, der Sicht, des Geschmacks und des Geruchs. Während der Meditation könnten diese ein Hindernis sein, doch wenn Du Dich von der Meditation erhebst, sind sie machtvoll. Tatah pratibha shravana vedana-adarsha svada varta jayante. Te samadhau upasarga vyutthane siddhayah. Die Fähigkeit, einen einfachen Stift zu verstehen, ist ein machtvolles Instrument. Damit gelangen wir hinter die Wirklichkeit und nehmen direkt im Herzen des Ursprungs einige Korrekturen vor. Wir haben sozusagen den 'Quell-Code' für das Computerprogramm oder bearbeiten einen Organismus direkt an seiner genetischen Struktur. Ein Beispiel ist die Entfernung, bei der wir zwei Personen bei einer Unterhaltung zuhören können. Wenn ein bestimmter Abstand zu den beiden aus sich heraus die Grenze zu dem wäre, wo nichts mehr zu verstehen wäre, so dürfte jemand, der ein viel besseres Gehör hat, dann auch nichts hören. Es ist das Gleiche wie mit dem Stift und dem Hund. Statt nun irgendeine wundersame Veränderung unserer Hör-Kapazität zu vollbringen, tauschen wir einfach die Samen in unserem Geist aus, die den Abstand bestimmen, bis zu dem wir hören können. Hundert Meter werden zu zwei und wir können den Menschen zwei Häuser weiter problemlos zuhören. Natürlich könnte einen das zum Wahnsinn treiben und den Schlaf und die Meditation unmöglich machen. Doch sind wir im Allgemeinen davor geschützt, da solche Kräfte nur dann gewonnen werden, wenn wir sie im Dienste der anderen einsetzen wollen. 84 DER GEFANGENE REGENBOGEN III.38 Wenn Du die Fesseln löst, die Dich halten und sie als Dein Gefängnis erkennst, dann kannst Du Deinen Geist in einen anderen Körper treten lassen. Bandha karana shaithilyat prachara sanvedanach cha chittasya parasharir aveshah. Wir lieben unseren Körper aus Fleisch und Blut sehr. Doch wie würde ein solcher auf eine Person wirken, deren Körper sich schon in eine Lichtgestalt verwandelt hat. Für sie wäre unser Körper eher ein recht schleimiges Gefängnis. Ein ziemlich gefährlicher Ort, um darin gefangen zu sein. Für die meisten anderen Menschen wirst Du Deine äußere Form eines menschlichen Wesens beibehalten, obwohl sich Dein Körper ändert. Das entspricht wieder der Geschichte mit dem Stift und dem Hund. Du selbst und diejenigen, die die gleiche Entwicklung schon gemacht haben, erkennen Dich als ein solch erhabenes Wesen, das Du Dir jetzt noch nicht mal im Traum vorstellen kannst. Manchmal wird dieser Lichtkörper “Regenbogen-Körper“ genannt. Von einiger Entfernung sieht auch ein Regenbogen wie festes Material aus. Doch aus direkter Nähe kannst Du Deine Hand hindurch stecken: Kein Blut, keine Eingeweide. Da ein Hund eigentlich nichts anderes ist, als die Saat, sich als Hund zu erleben, kann jemand der das durchdrungen hat auch jede äußere Form annehmen. Eine solche Person kann bei Bedarf als beliebiger Mensch geboren werden, da es für uns, die noch Hilfe benötigen, wesentlich leichter ist, uns auf jemanden zu beziehen, der uns ähnlich ist. Daher ist es die menschliche Form, in der solche Wesen erst einmal Kontakt mit uns aufnehmen 85 DIE FÜNF ELEMENTAREN WINDE III.39-40 Wenn Du die Meisterschaft über die aufwärts strebenden Winde erlangt hast, kannst Du ungehindert über Wasser, Sümpfe, Dornenbüschel oder ähnliches gehen. Sobald Du die Meisterschaft über die Nebenwinde gewinnst, erlangst Du das innere Feuer. Udana jayaj jala pangka kantaka-adishvasanga utkrantish cha. Samana jayat prajvalanam. Wenn die inneren Winde in einen bestimmten Teil des Körpers strömen und sich dort sammeln, um eine notwendige Körperfunktion auszuführen, sehen wir diese als eine Auswirkung der fünf Primärwinde an, selbst wenn es sich dabei nur um einen kurzen Moment handelt. Der erste von diesen ist der “alles durchdringende” Wind. Er fließt durch den gesamten Körper und sorgt dafür, dass alle anderen Winde dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden. Der “Lebens-” Wind erhält das Leben als Ganzes und im speziellen den Atemfluss. Der “abwärts-reinigende” Wind stellt die Ausscheidung der Körperabfälle sicher. Der “aufwärts-laufende” Wind bezieht sich hier auf das Essen und das Sprechen und unterstützt ebenso die Aufwärtsbewegung jeglicher anderer Winde. Wenn wir durch die Kenntnis von Samen und ihrer Wirkung die Meisterschaft über diesen Wind erlangen, können wir uns sehr schnell fortbewegen, sobald jemand unsere Hilfe braucht. Selbst Hindernisse wie ein Graben oder dichtes Gestrüpp können uns nicht mehr aufhalten. Am Höhepunkt unserer Entwicklung können wir durch ganze Planetensysteme in der Geschwindigkeit unserer Gedanken reisen. Das ist die Geschwindigkeit unserer gereiften Saat. Der letzte Primärwind 'verschmilzt' sich in der Nabelgegend sowohl mit dem Verdauungs-Feuer als auch mit dem mystischen Feuer. Auf der ersten Ebene extrahiert er die Nährstoffe der Nahrung und verteilt sie im Körper. Auf einer zweiten Ebene regt er den strahlenden Nektar an, von der höchsten Stelle des Kopfes an abwärts zu fließen. Er ruft alle Weisheit und Glückseligkeit und unsere Verwandlung in einen Engel hervor. 86 DIE DREI HIMMEL III.41-42 Wenn Du die kombinierte Anstrengung auf die Beziehung zwischen Raum und Ohr anwendest, erlangst Du die engelgleiche Fähigkeit des Hörens. Wenn Du diese Anstrengung auf die Beziehung zwischen Körper und Raum anwendest, gewinnst Du die Macht der Meditation, in der Du so leicht wirst, wie ein Wattebällchen und so durch den Himmel fliegen kannst. Shrotra-akashayoh sambandha sanyamad divyam shrotram. Kaya-akashayoh sambandha sayamal laghu tula samapattesh cha-akasha gamanam. Der Begriff für Raum hatte in früheren Zeiten drei Bedeutungen. Eine war einfach Himmel, Raum oder der Abstand zwischen verschiedenen Elementen. Die zweite Bedeutung, die wir auch schon erwähnt haben, ist der Ort an sich. Der Ort, der sich nicht ändert und den die Dinge einnehmen, dort verweilen und so existieren. Die dritte ist der Raum im Sinne der Leere, wenn Du fest stellst, das etwas, das Du dachtest, es wäre dort, niemals dort war. Es ist das Gefühl, das Du hast, wenn Du nach dem Essen in einem teuren Restaurant in Deine Tasche greifst und fest stellst, dass Du Deine Geldbörse zu Hause liegen gelassen hast. Das gleiche Gefühl von Abwesenheit überkommt uns, wenn wir erkennen, dass alles um uns herum nicht auf uns zu kommt, sondern von uns stammt. Die Erkenntnis, wie dieser Raum uns erlaubt, zu hören und die Erkenntnis, wie dieser Raum unseren Körpern erlaubt, da zu sein, ermöglicht es uns, die “Schalter” an diesen beiden umzulegen. Dann schaltet sich Ungehörtes zu Gehörtem um und das Schwere wird leicht. Zuerst benutzen wir diese resultierenden Kräfte, um einer begrenzten Anzahl von Menschen zu helfen. Später, nachdem wir noch weiter gewachsen sind, wird die Zahl derer unbegrenzt werden. Alle diese Kräfte werden auf dem Weg frei gesetzt, angefangen bei den Weltlichen zu den Hilfreichen bis hin zu den Erleuchteten. Letztendlich fliegt der Geist frei durch den Himmel dessen, was sowieso niemals war. 87 DIE VIER KÖRPER III.43-44 Diejenigen, die nichts mehr als Äußeres wahrnehmen, erleben die Umwandlung in den vollendeten Körper. Damit ist jeglicher Schleier zerstört, der noch das Licht bedeckte. Wende die kombinierte Anstrengung auf die Tatsache an, dass dieser grobe Körper ein Objekt ist, der von dieser subtilen Natur her stammt und Du erlangst die Meisterschaft über alle Elemente. Bahir akalpita virtti mahavideha tatah prakasha-avarana kshayah. Sthula svarupa sukshma-anvaya-arthavattva sanyamad bhuta jayah. Diese Zeilen beschreiben den Moment, an dem die kombinierte Anstrengung von fokussierter Stille und Erkenntnis für die Zeit beibehalten worden ist, die eine endgültige Umwandlung ermöglicht. Wir werden zu einem Wesen, das allen Welten zu Diensten sein kann. Zu diesem Zeitpunkt haben wir vier verschiedene Anteile oder Körper. Eigentlich besitzen wir den ersten Anteil eines Engels schon. Den haben wir auch schon immer gehabt. Es ist die schlichte Tatsache, dass wir nicht das sind, was wir sind: Du bist nicht die Person, der sie dieses Konzept überstülpen, Deinen Namen. Vielmehr entstand Dein Name – die Kreation der Saat – zuerst, der Dich dann zu Dir hat werden lassen. Da Du auch in keiner anderen Form Du selbst bist, hast Du die Kapazität etwas anderes zu werden – ein Engel. Und das warst Du immer schon. Dies ist Dein erster Körper. Wenn wir begreifen, dass unsere Form, unsere physische Erscheinung also, in der gleichen Weise verfügbar ist, beginnen wir, mit großem Energie-Einsatz genügend Samen zu sammeln, um unsere derzeitigen physischen Elemente in den Körper eines Engels zu verwandeln. 88 DER LETZTE, DER ÜBRIG GEBLIEBEN IST III.45-46 Damit erreichst Du die Macht neben den anderen Ebenen sogar auf mikroskopischem Niveau. Du erlangst einen vollendeten Körper, der durch nichts und niemanden verletzt werden kann. Du gewinnst den Körper der Vollkommenheit: Ein wundervolles Erscheinungsbild, kraftvoll und solide, wie ein Diamant. Tatonima-adi pradurbhavah kaya sampat tad dharma-anabhighatash cha. Rupa lavanya bala vajra sanhananatvani kaya sampat. Es gibt eine überlieferte Liste von acht Fähigkeiten auf niederem Niveau, die wir nutzen können, um anderen in begrenzter Form zu helfen: Die Fähigkeit, ganz klein zu werden und so durch einen dünnen Spalt hindurch zu gelangen oder Deinen Körper so leicht werden zu lassen, dass er durch die Luft fliegen kann. Das sind die Fähigkeiten, die früher schon erwähnt wurden. Doch in diesem Stadium haben wir die höchste Entwicklungsstufe dieser Fähigkeiten erreicht. Es ist der zweite Körper eines Engels: Milliarden von unterschiedlichen Erscheinungen, die wir aussenden. Stellt Euch mal die Möglichkeiten vor, einer einsamen Person einfach als ihr Haustier oder selbst als ihre Lieblings-Fernsehsendung zu erscheinen. Dann stellt Euch vor, Ihr füllt die gesamte Welt mit den verschiedensten Wesen. Zusätzlich zu dem üblichen Tages-Pensum agieren sie alle auch noch miteinander. Für einen vollendeten Yogi ist das Erste “Kleinkram“, das Zweite “Leichtgewicht“. Daher könnte es wirklich möglich sein, dass ich der letzte Mensch bin, der sich noch nicht in einen Engel verwandelt hat. Im Zentrum all dieser Erscheinungen, die ein Engel aussendet, befindet sich der “Basis-Körper“. Dies ist der dritte Körper, der Paradies-Körper, exquisit und unzerstörbar. Dieser Engel wird uns niemals verlassen, bevor wir nicht selbst zu einem werden. 89 DER KÖRPER DER ALLWISSENHEIT III.47-48 Wenn Du die kombinierte Anstrengung auf die Tatsache anwendest, dass die Sinne, die an den Objekten hängen, auch ihrer wahren Natur folgen, ihrem wahren Selbst, dann gewinnst Du die Meisterschaft über Deine Sinneskräfte. Du beherrschst also das, was die Erscheinungsformen annimmt: den entscheidenden Teil, den unmittelbaren Botschafter des Geistes. Grahana svarupa-asmita-anvaya-arthavattva sanyamad indriya jayah. Tato mano javitva vikarana bhavah pradhana jayash cha. Bis jetzt haben wir die drei Körper erlangt: den “Leerheitskörper“, der erst alle anderen möglich macht und die beiden physischen Körper: Einen, den wir in unzähligen Erscheinungsformen aussenden und einen anderen, in dem wir selbst verweilen, innerhalb unseres eigenen Paradieses. Der vierte Körper ist dann der Körper, zu dem sich unser Geist wandelt. Unsere Sinneskräfte ergreifen ein Objekt und geben die Information an den Geist weiter. Der Geist verhält sich wie ein Spiegel, was im letzten Kapitel noch weit reichender erläutert wird. Er nimmt jegliche Form oder Eigenschaft an, die die Sinne ihm präsentieren. Siehst Du einen roten Apfel, dann ist ein Teil Deines Geistes sozusagen mit Röte durchdrungen. Der Geist braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, um das ihm präsentierte Objekt zu identifizieren, einschließlich der Umwandlung von Gedanken-Klängen in Gedanken-Worte. Das heißt, wir hinken auch immer einen Bruchteil einer Sekunde hinter den Geschehnissen her. Doch der Geist ist so schnell, dass wir diese Tatsache nie bemerken. Im letzten Kapitel verstehen wir, dass die wahre Natur jedes einzelnen Abschnitts dieses Prozesses darin besteht, dass sie alle vom Geist her stammen. Das Verständnis dessen erlaubt uns, den vierten Körper zu erlangen: Die Fähigkeit der Allwissenheit. 90 HIERIN LIEGT DIE VOLLKOMMENE REINHEIT III.49-50 Das wird dann die Unterstützung sein, ein Wissender von allem und für alle, egal, ob es sich um die Wirklichkeit um uns oder die Personen selbst handelt. Es sind nicht mehr als dessen Manifestationen. Selbst an diesen können wir unsere Anhaftung vermeiden. Wir können alle negativen Samen vollständig zerstören. darin liegt die vollkommene Reinheit. Sattva purusha-anyata-akhyati matrasya sarva bhava-adhishthatirtvam sarvajnyatirtvam cha. Tad vairagyad api dosha bija kshaye kaivalyam. Der Meister fasst zum wiederholten Male den einzigen Weg zusammen, auf dem wir die vier Körper eines Engels erreichen können. Eigentlich befindet sich hinter allem der Geist. Er projiziert alles, dessen wir uns bewusst sind, sogar uns selbst. Letztendlich erfüllt der Geist seine wahrhafte Kapazität, wenn wir direkt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jedes einzelnen Objektes sehen können. Mit einer letzten geistigen Anstrengung müssen wir verstehen, dass selbst unser Verständnis darüber, wie alles funktioniert, eine Projektion ist: Ein geistiges Bild, das sich unserem Geist dann präsentiert, wenn außerordentlich seltene und kraftvolle Samen aufbrechen. Diese Gedanken, die in Meister Patanjalis kurzem Buch über Yoga dargelegt werden, besonders die Beschreibung der Fähigkeiten, die wir eben besprochen haben, stammen von Dir. Egal ob Du Dir diese Ideen zunutze machst oder sie Dir jetzt ein wenig seltsam erscheinen, auch das stammt von Dir. Das Verständnis dieser Leerheit des Verstehens selbst zerstört Milliarden alter negativer Samen in unserem Geist. Das an sich bringt uns ein ganzes Stück näher an unser eigentliches Ziel: Vollkommene Reinheit. 91 UNSERER BESTIMMUNG FOLGEN III.51 Es wird eine Zeit kommen, wenn sie Dich einladen, Deinen Platz unter ihnen einzunehmen. Wichtig ist es, zu einer Quelle des Stolzes für Deine Familie zu werden. Sonst wirst Du wieder ein Opfer dessen, was Du so bestrebt warst, zu vermeiden. Sthanyupanimantrane sanga smaya-akaranam punah anishta prasangat. In dem Moment, da Du dieses Buch in die Hand nahmst, hast Du die Aufmerksamkeit einiger sehr wichtiger Leute auf Dich gezogen, denn: Jede Person, die in den letzten zweitausend Jahren dieses Buch studiert, verstanden und umgesetzt hat, wurde zu einem solchen Engel. Allein schon die Reflektion über die bisher präsentierten Ideen hat Dich zum Mitglied einer besonderen Familie gemacht. Eine Familie von Leuten, die sehr besorgt über das Leid dieser Welt sind. Es sind Personen, die den Funken des Verstehens irgendwo in sich tragen. Sie glauben irgendwie, dass da doch ein Schlüssel sein muss, um Tod und Unglück endgültig zu beenden. Wir sagten bereits, dass wir das Verstehen selbst zu verstehen hätten, dass es eben auch aus diesen Samen entsteht. Die einzigen Samen, aus denen es tatsächlich entstehen kann, sind jene, die durch den Wunsch gesät worden sind, die Person sein zu wollen, die allen anderen zu Hilfe eilt. Wenn Deine Fähigkeiten anwachsen und Du Dich weiter entwickelst, schwindet natürlich auch Dein eigener physischer und emotionaler Schmerz. Das ist ein Moment, in dem Du gefangen bleiben könntest, weil Du denkst, dass Du an diesem Punkt aufhören könntest. Doch dann zeigen sich Dir die besagten Familienmitglieder. Sie laden Dich in diese erhabene Familie ein, die sich nur um das Glück aller, also der Familie aller Lebewesen, kümmert. 92 DIE LETZTEN AUGENBLICKE III.52-53 Wenn Du die kombinierte Anstrengung auf die zwei Stufen des Augenblickes anwendest, erlangst Du das Wissen der Nicht-Unterscheidung. Du erhälst die Fähigkeit, Dich in beiden gleichermaßen aufzuhalten, unabhängig von Geburt, Art oder Ort. Kshana tat kramayoh sanyamad avivekajam jnyanam. Jati lakskana deshair anyata-anavachedat tulyayos tatah pratipattih. Es gibt am Ende drei kritische Momente, dann, wenn wir alle vier Körper erlangen. Der erste kritische Moment ist der letzte Augenblick in dem wir noch keine Engel sind. Wir befinden uns in einer Phase, die sich “die Weisheit des letzten Augenblickes” nennt. Um dort hin zu gelangen, haben wir auf der Stufe des Sehens - zwar nur kurz - die Leerheit unmittelbar wahrgenommen. Und dann haben wir uns unseren Weg durch die sieben Ebenen gebahnt. Wir haben dabei das, was wir zuvor gesehen haben, genutzt und unterschieden – unterschieden in dem Sinne, dass wir uns bewusst blieben, dass uns unsere Umwelt nicht so erscheint, wie sie wirklich ist. Während der drei darauf folgenden Ebenen, brauchen wir noch nicht einmal mehr in dieser Weise zu unterscheiden, denn wir haben nicht länger die Samen dafür, dass uns etwas überhaupt in der falschen Form erscheint. Das führt uns zu dem letzten Augenblick: Wir schreiten über die Schwelle. Schon im nächsten Moment besitzen wir dieses neue Wissen. Wir haben die Macht, alles zu wissen. Das ist aus den letzten drei Ebenen unserer Entwicklung entstanden. Nur für den Bruchteil einer Sekunde verweilen wir allein in diesem einen exquisiten Körper im Paradies. Und dann, aufgrund unserer Gebete, die wir in den zahllosen vorherigen Leben dafür gesprochen haben, für alle eine Hilfe sein zu können, erscheinen wir ohne einen weiteren Gedanken auch in allen anderen Welten. Engelgleich. 93 ALLES IN ALLEN FORMEN III.54-55 Du erlangst das Wissen, das von der Unterscheidung stammt. Es macht Dich frei, zum einen alles zu sehen und zum anderen gleichzeitig wahrzunehmen, wie die Dinge wirklich sind, ohne zwischen diesen beiden hin- und her wechseln zu müssen. Wenn die Person und die Wirklichkeit um sie herum gleichermaßen rein sind, dann ist das die vollkommene Reinheit. Tarakam sarva vishayam sarvatha vishayam akramam cheti vivekajam jnyanam. Sattva purushayoh shuddhi samye kaivalyam. Bevor wir unser endgültiges Ziel erreichen, ist es völlig unmöglich, gleichzeitig die absolute Wirklichkeit und die normale, täuschende Realität um uns herum wahrzunehmen. Auch müssen wir jetzt in einem Stadium der tiefen Meditation sein, um die absolute Wahrheit überhaupt erfahren zu können. Das bedeutet, ohne tägliche Meditations-Praxis sind wir nicht in der Lage, tatsächlich jemandem zu helfen. Eigentlich ensteht alles durch die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen der Form, in der wir dachten, dass unsere Umwelt zu Stande kommt und der Art, wie sie wirklich funktioniert. Selbst auf einem hohen Niveau können wir nur zwischen der Sicht der absoluten Wirklichkeit in tiefer Meditation einerseits oder dem Verweilen in unserer trügerischen Wirklichkeit andererseits hin- und her wechseln. Das ändert sich, wenn wir die Körper eines Engels erlangen. Dann und nur dann können wir alles sehen, alle Wesen der Welt wahrnehmen, sie lieben und ihnen behilflich sein und gleichzeitig die höhere Realität erleben. Dieses Wissen und diese Liebe pflanzen reine Saat, die das Wissen und die Liebe bis zum nächsten Moment erhalten, in dem deren Existenz dann alleine schon die Samen für ihr zukünftiges Dasein im darauf folgenden Augenblick setzt bis in alle Ewigkeit - vollkommene Reinheit. VIERTER ECKPFEILER DAS KAPITEL ÜBER VOLLKOMMENE REINHEIT 94 ZU GÄRTNERN WERDEN IV. I-3 Machtvolle Fähigkeiten können entweder durch die Geburt, durch Kräuter, Wünsche, extreme Praktiken oder durch tiefe Meditation erlangt werden. Die Verwandlung, die zwischen den Geburten entsteht, wird durch die Natur vollbracht. Um sich davon zu befreien, müssen wir den Schleier der Qualitäten unseres Umfeldes zerstören und zu Gärtnern werden. Janmaushadhi mantra tapah samadhija siddhayah. Jatyantara parinamah prakirtyapurat.Nimittam aprayojakam prakirtinam varana bhedas tu tatah kshetrikavat. Das erste Kapitel hat uns über die fünf Stufen zur Vollkommenheit geleitet. Die nächsten zwei Kapitel haben uns durch die acht Glieder dorthin geführt. Das vierte und letzte Kapitel bringt uns durch die Einzelheiten des Geistes wieder zum gleichen Ort. Es gibt viele Wege zu den bereits erwähnten besonderen Fähigkeiten. Wenn jemand zum Beispiel besonders stark an seinem Haus hängt, kann es sein, dass diese Person als ein Hausgeist wiederkehrt, mit Fähigkeiten, wie durch die Wände gehen, beispielsweise Verstorbene, die sich in der “Zwischen-Welt“ befinden und auf ihr nächstes Leben warten, erlangen automatisch ähnliche Kräfte und versuchen, zu den von ihnen geliebten Menschen Kontakt aufzunehmen. Diese Form der Existenz und deren Macht endet automatisch innerhalb von spätestens sieben Wochen. Man kann natürlich auch bestimmte Kräfte und Visionen durch die Benutzung von Kräutern oder Drogen bekommen, oder auch durch extreme Praktiken wie Schlafentzug oder rigoroses Fasten. Man kann auch bestimmte Sprüche äußern um möglichst fliegen zu können oder Feuer zu machen. Das Problem mit all diesen Methoden ist, dass wir deren Kräfte nicht durch unseren Willen kontrollieren und beibehalten können. Das können wir nur durch tiefe Meditation und der Erkenntnis, dass sämtliche Fähigkeiten nur aus unseren eigenen gelegten Samen folgen, erreichen. So gärtnern wir leise, glücklich und stetig in unseren eigenen Geist, um das Paradies zu schaffen. 95 DIE AUFLÖSUNG DES LAGERS IV. 4-6 Manifestationen sind nur durch das Selbst der Geistesverfassungen möglich. Wenn Du diese fehlerhafte Haltung zerstörst, dann ist der Geist auch von der Vorstellung von einem oder vielen befreit. Hierin besteht die Auflösung unseres Lagers, die durch die hohe Meditation erlangt wird. Nirmana chittanyasmita matrat. Pravirtti bhede prayojakam chittam ekam anekesham. Tatra dhyanajam anashayam. Die im letzten Kapitel beschriebene wichtigste Fähigkeit ist die Möglichkeit, uns selbst in vielen Formen auszusenden, um zunächst nur einer Person und später dann unendlich vielen Menschen helfen zu können. Jedes Aussenden erfordert eine Geisteshaltung, die der “Zustand der Aussendung“ genannt wird. In diesen Zustand können wir nur deshalb gelangen, da auch seine Natur daraus besteht, dass er durch unsere Güte anderen gegenüber entstanden ist. Eine beliebte Übung, um zu erkennen, dass unser Umfeld in Wahrheit von uns stammt, wird uns als die Überlegung von “weder eines noch viele“ überliefert. Du kannst das Auto nicht erkennen, ohne nach seinen Teilen zu schauen. Auf der anderen Seite kannst Du alle Autoteile zusammen haben und trotzdem kein Auto. Das heißt, die Teile sind nicht das Auto. Wenn also die Teile, die man wahrnehmen muss, um überhaupt ein Auto sehen zu können, trotzdem nicht das Auto sind, was macht dann ein Auto aus? Unnötig zu fragen, woher zwei oder drei solcher Autos stammen. Wenn Du diese Antwort im Zusammenhang mit Deinem Geist begreifst, wenn Du das bezüglich des Konzeptes von zahllosen ausgesandten hilfreichen Klonen von Dir begreifst, dann bist Du schon fast in der Lage, es wirklich zu tun. Die Meditation über die tatsächliche Wirkungsweise meiner Welt zerstört das Lager der negativen Samen, wie im ersten Kapitel beschrieben. Gärtnern bedeutet beides: Blumen pflanzen und ungewolltes Kraut entfernen. 96 DIE KONTROLLE ÜBER UNSER LEBEN IV. 7-8 Die Taten eines wahrhaft Praktizierenden sind weder weiß noch schwarz. Die von anderen sind von dreierlei Art. An diesem Punkt sind ihnen die entsprechenden Konsequenzen, die durch diese Handlungen enstehen, völlig offensichtlich. Sie entstehen durch die Saat, die sie gepflanzt haben. Karma-ashukla-akirshnam yoginah trividham itaresham. Tatas tad vipaka-anugunanam eva-abhivyaktir vasananam. Wenn unser Leben tatsächlich allein durch die alte Saat, die in unserem Geist reift, bestimmt wird, dann wäre das Leben ein wenig frustrierend. Denn viele unserer unmittelbaren Handlungen, die wir unternehmen, um zu bekommen, was wir wollen, haben nicht den gewünschten Erfolg. Ist es nicht so? Als Gärtner unsere Wirklichkeit zu bearbeiten, bedeutet, sich die Kontrolle über unser Leben zurück zu holen. Es bedeutet, genau zu wissen, wie Du das bekommst, was Du willst, weil Du nun das exakte Verständnis besitzt, welche Saat zu pflanzen ist und wie sie reift. Das ist Yoga, das ist wahre Praxis. Die meisten Menschen pflanzen ständig völlig blindlings drei Arten von Samen in ihrem geistigen Garten: Viele von Moment zu Moment entstandene kleine schwarze Samen, dann eine ganze Menge “neutrale“ Samen durch unser anhaltendes, fundamentales Missverständnis der Welt und ab und an ein paar nette weiße Samen, die durch die Unterstützung anderer entstanden sind. Es ist wichtig, zu begreifen, dass selbst die weißen Samen, wenn sie ohne Verständnis gesät werden, ebenso Schmerzen verursachen, denn sie brauchen sich auf. Millionen weißer Samen haben Dein Leben geschaffen und es schwindet dahin, während Du diese Worte liest. Die wirklich Praktizierenden führen die gleichen guten Taten mit dem Verständnis der Zusammenhänge durch. So schaffen sie sich statt der unreinen weißen oder schwarzen Samen nur reine weiße Samen und steuern ihr Leben selbst. 97 DAS ENDE DES BESCHRÄNKUNGEN IV. 9-11 Ferne Leben, ferne Orte und ferne Zeiten werden gänzlich zum Hier und Jetzt, denn der Gedanke daran und der Same dafür nehmen genau die gleiche Form an. Sie können sie für immer sehen, sowohl zurück bis vor den Anfang als auch nach vorn, bis nichts mehr danach kommt. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung wird durch bestimmte Faktoren aufrecht erhalten. Er verschwindet, wenn diese nicht mehr da sind. Jati desha kala vyavahitanam apyanantaryam smirti sanskarayoh ekarupatvat. Tasam anaditvam chashisho nityatvat. Hetu phala-ashraya-alambanaih sangirhitatvad esham abhave tad abhava. Du kannst Dich zwar an deinen Lieblings-Urlaubsort erinnern, aber es ist doch nicht das selbe, als wirklich dort zu sein. Es ist nur ein mentales Bild von Deinem Erlebnis. Wenn aber alles sowieso nur ein geistiges Bild ist, warum ist es dann nicht das selbe wie das eigentliche Erlebnis? Wenn wir an einen angenehmen Ort denken, dann ist ein geistiger Same für eine solche Vorstellung gereift. Wenn wir uns an einem solchen Ort tatsächlich befinden, dann ist die Saat gereift, tatsächlich dort zu sein. Von daher – das hast Du schon längst bemerkt – spielt es überhaupt keine Rolle, wie sehr Du dort sein möchtest. Du kommst nicht allein durch den bloßen Willen dorthin. Der einzige Weg, der dort hin führt, besteht darin, bewusst die richtigen Samen dafür zu säen, zum Beispiel einen netten Urlaub für jemand anderen zu organisieren. Dann lehne Dich zurück und warte auf das Feuerwerk. Eine Person, die in der Kunst des geistigen Gärtnerns sehr gut geworden ist, nutzt einen kraftvollen inneren Verstärker, der aus Wissen und dem Wunsch, anderen zu helfen besteht. Solche Personen können selbst ferne Ereignisse erfassen und somit tatsächlich dort sein. Sie reichen rückwärts und vorwärts in endlose Zeit, wo ihnen nichts mehr unbekannt bleibt. Wenn das fehlerhafte Verständnis endet, dann bricht das alte Lager zusammen und wird durch sich selbst erneuernde weiße Samen ersetzt. 98 DIE ÜBERWINDUNG DER ZEIT IV. 12-14 Es geschieht deshalb, weil jene, die verstehen, das Konzept überwunden haben, dass Vergangenheit und Zukunft nur in und aus sich selbst heraus existieren könnten. Für jene sind die subtilsten Einzelheiten der grundlegenden Natur aller Dinge offensichtlich. Denn die möglichen Varianten allen Seins sind nur eines, ihre Basis ist das schlichte So-Sein. Atita-anagatam svarupatostyadhva bhedad dharmanam. Te vyakta sukshma guna-atmanah. Parinamaikatvad vastu tattvam. Eine andere, leicht verständliche Erläuterung der Leerheit, auch manchmal “So-Sein“ genannt wird, ist die Folgende: Der Chef kommt in Dein Büro und schreit Dich an, weil Du anscheinend den Auftrag eines Kunden vermasselt hast. In Wirklichkeit besteht sein Gesicht nur aus etwas rötlicher Farbe und seine Stimme aus einem bestimmten Anzahl von Dezibeln. Doch in diesem Moment sprießt die Saat in Deinem Geist und zwingt Dir dieses vollendete Bild einer unangenehmen Persönlichkeit auf. Jemand anderes, der die Situation miterlebt, mag denken, dass die Behandlung, die der Chef Dir gerade zukommen lässt, längst überfällig und daher begrüßenswert ist. Die Saat der anderen Person projiziert ein anderes Bild des Chefs. Keines der beiden Bilder ist notwendigerweise korrekt. Es ist nämlich nicht so, dass die unangenehme oder angenehme Erscheinung vom Vorgesetzten stammt. Und das ist dessen Leerheit. Überliefert ist, dass die alten Meister der Meditation die Erkenntnis etablieren konnten, dass der Eindruck vorbei streichender Zeit durch die 65 separaten Bilder des Geistes während nur eines Finger-Schnippens entsteht. Interessanterweise ist das ungefähr die selbe Anzahl von Bildern pro Minute in einem Film. Die Zeit entspricht in ihrem Wesen dem Chef. Wie schnell sie vergeht, ob beim Zahnarzt oder mit lieben Freunden, hängt nur von unseren Samen ab. Diejenigen, die diese subtilen Details erkannt haben, können ihre Zeit selbst bestimmen, durch ihr eigenes Gärtnern. Weil Leerheit das zu Grunde liegende Fundament aller Momente ist, sind wir alle in der Lage, alles, was jemals passiert, in diesem einen Augenblick zu erleben. 99 JENSEITS – ABER NICHT JENSEITS DES GEISTES IV. 15-16 Wenn die zwei Geisteszustände voneinander unterschieden sind, nehmen sie getrennte Wege, um dieses eine Fundament zu erfahren. Es trifft nicht zu, dass irgendein Geisteszustand durch ein anderes Mittel als das der korrekten Wahrnehmung in der Lage wäre, diese Basis zu erfahren. Wenn das geschehen könnte, könnte alles passieren. Vastu samye chitta bhedat tayor vibhakta panthah. Na chaika chitta tantram vastu tad apramanakam tada kim syat. Wenn Leerheit von einer solchen entscheidenden Bedeutung ist, das Fundament, das alles andere ermöglicht, warum ist es dann so schwierig für uns, sie zu begreifen? Um das zu beantworten, kehren wir noch einmal zu dem Großen Fehler zurück. Wir haben schon gesagt, dass auf einer bestimmten Ebene sogar jede einzelne Wahrnehmung fehlerhaft ist. Wenn allerdings unser Geist an jedem einzelnen Moment unseres Lebens einen grundsätzlichen Fehler begeht, wie können wir uns dann selbst eines Fehlers überführen? Das Instrument selbst, das wir zur Überführung nutzen, ist defekt. Manche behaupten, dass wir mit diesem fehlerhaften Geist niemals die Wahrheit erkennen könnten. Andere meinen, wir könnten doch, wenn wir mit unserer Selbst-Wahrnehmung arbeiten: So eine Art unabhängige Insel, von der aus wir uns selbst beobachten, obwohl unser Geist nichts wirklich korrekt wahrnimmt. Wie die großen Meister der Vergangenheit erklären, sind beide Ideen unsinnig. Meister Patanjali erwähnte schon in seinen einführenden Versen, dass es zwei andere Wege gibt, mit denen man sich der grundsätzlichen Wahrheit der Leerheit nähern kann. Der eine ist logisches Denken: Man stelle sich einen Filmschauspieler vor, der seinem Publikum erklärt, warum der Film nicht die Realität sein kann. Das führt dann zu einer direkten korrekten Erfahrung der absoluten Wirklichkeit während der Meditation. Diese wird durch völlig reine Saat angeregt. 100 UNSERE EIGENEN GEDANKEN HÖREN IV. 17-18 Ob sich der Geist einer Basis, eines Objektes, bewusst ist oder nicht, hängt davon ab, ob er diesem Objekt ausgesetzt ist. Die Aktivitäten des Geistes sind etwas, deren sich beide bewusst sind, denn dies ist nicht von dem Grad der Entwicklung einer Person abhängig. Tad uparaga-apekshatvat chittasya vastu jnyata-ajnyatam. Sada jnyatash chitta virttayas tat prabhoh purushasya-aparinamitvat. Nach einiger Reflexion stellen wir fest, dass wir nur dann eine Aussage über die Existenz von etwas machen können, wenn entweder wir oder jemand anderes es kennt. Vielleicht kennen wir es nicht direkt, aber wenigstens durch seine Auswirkungen. Wir “sehen“ den Wind durch die Bäume wehen. Wenn es eine höhere Wirklichkeit gibt, die uns retten kann und allem als Basis dient, dann muss sie auch als Fundament der Wahrnehmung von sich selbst fungieren und unterstützen. Objekte hängen von Subjekten ab und die Subjekte stützen sich auf die Objekte. Keines kann ohne das andere existieren. Es ist nicht wahr, dass wir nie die Wahrheit sehen könnten. Der Geist fungiert wie ein Spiegel: Platziere ein Objekt vor den Spiegel und der Spiegel nimmt die Form dieses Objektes auf. Es ist also nicht wahr, dass wir unseren Geist nicht einfach mit unserem Geist betrachten können. Auch ohne exotische Verrenkungen können wir beobachten, wie wir den Großen Fehler begehen. Jeder, unabhängig der spirituellen Entwicklungsstufe, schaut seinem Geist ständig bei seinen Aktivitäten zu, einschließlich der beiden Methoden, um die Wahrheit zu erreichen. Unsere physischen Sinne finden die Anregungen. Unsere mentalen Sinne entdecken die inneren Bilder und Gedanken. In der nächsten Millisekunde werden diese dann als Gruppe unserem geistigen Spiegel präsentiert – und wir sehen die Welt und uns selbst. 101 MESSER SCHNEIDEN SICH NICHT SELBST IV. 19-20 Das geschieht nicht, weil der Geist sich selbst bewusst ist, denn dadurch wäre er selbst das Objekt, das er sieht. Wäre das aber der Fall, könnte keiner von ihnen das Objekt als Objekt haben, da sie dann ein und das selbe wären, Na tat svabhasam dirshyatvat. Ekasamaye chobhaya-anavadharanam. Subjekt und Objekt sind notwendigerweise verschieden und voneinander getrennt. Die alten Meister erklärten das, indem sie den Geist mit einem Messer verglichen: Es kann sich nicht selbst schneiden. Wenn der Geist sich selbst betrachten könnte, wäre er entweder nicht das Objekt, was betrachtet wurde oder nicht der Betrachter. Das widerspricht auch nicht dem, was wir im zweiten Kapitel über die Wahrnehmung der getrennten Subjekte und Objekte gesagt haben, die all unsere Probleme verursachen. Doch hier bezieht sich das “getrennt“ nur auf Subjekte und Objekte, die nicht von der selben Quelle stammen: von der Saat in unserem eigenen Geist. Es ist natürlich von entscheidend, zu verstehen, dass wir nicht einfach in unserem Geist leben und dort für immer eingesperrt sind. Äußere Objekte und andere Menschen mögen zwar ein Ergebnis der Bilder sein, die ich selbst verursacht habe, doch das bedeutet nicht, dass sie nicht wirklich sind oder “da draußen“ existieren. Die Samen erschaffen sie als äußere Umwelt. Wenn Du dem nicht zustimmst, dann stell Dich doch vor ein anfahrendes Auto. Es ist eine ziemlich harte Stoßstange, welche Deine Samen projizieren, die Deine ebenso projizierten Beine zermalmen wird. Du landest in einem projiziertes Krankenhaus und bekommst sogar eine ziemlich reale projizierte Krankenhaus-Rechnung! 102 DIE SCHEINBARE SELBST-WAHRNEHMUNG IV. 21-22 Wenn man sich des Geschehens innerhalb des Geistes bewusst ist, dessen, dass es beides sein muss: der Geist, der weiß und der, dessen gewusst wird. Es geschieht durch das wiederholte Reflektieren und die Samen. Die Art, in der der Geist sich selbst bewusst ist, ist Folgende: Er verfällt in den Glauben an die Erscheinung von ihm begegnenden Dingen, die er nie initiiert hat. Chitta-antara dirshye buddhi buddher atiprasangah smirti sanskarash cha. Chiter apratisankrama-ayas tad akara pattau svabuddhi sanvedanam. Doch wenn der Geist sich selbst nicht sehen kann, wie kann ich dann überhaupt meiner selbst bewusst sein? Wie kann ich mir selbst beim Denken zuhören? Denk einen Moment darüber nach, wie Du Dein eigenes Denken erlebst. Lausche Deinen Gedanken. Und jetzt die Frage: Bist Du die Person, die sagt, was Du hörst? Oder bist Du die Person, die dem zuhört, was Du hörst? Du siehst das Problem. Doch hören wir uns unbestreitbar selbst denken. Was tatsächlich passiert, ist, dass die Saat von unserer Behandlung anderer in unserem Geist ersprießt und dem Spiegel unseres Geistes die Gedanken präsentiert. Das heißt, nicht wir denken unsere Gedanken, sondern die Samen tun das. Wenn das der Fall ist, bin ich dann für immer ein hilfloses Opfer von dem, was die Samen mir präsentieren? Was ist mit dem freien Willen passiert? Also komm, in diesem Buch geht es über nichts anderes. Du kannst den gegenwärtigen Moment nicht kontrollieren. Es passiert Dir. Es verhält sich so, wie schon getrockneter Zement. Doch hast Du alle Macht und alles Recht, und Du musst Macht und Recht gebrauchen, um auszuwählen, welche neuen Samen Du Dir in den Garten Deines Geistes pflanzen willst. 103 WIE WIR UNSERE WELT PROJIZIEREN IV. 23-24 Der Geist nimmt alle Objekte durch die Präsentation dessen, was zu sehen ist, für den, der sieht. Zahllose Samen in unserem Geist verursachen, dass wir die große Vielfalt unserer Umwelt erleben. Es funktioniert in solcher Form, dass sie andere Teile in gewisser Weise zusammenstellen. Drashtir dirshyoparaktam chittam sarva-artham. Tad asankhyeya vasanabish chitram api para-artham sanhatya karitvat. Wir haben fest gestellt, dass der Geist alles, was er sieht, auch sich selbst, nur dann wahrnimmt, wenn ihm, dem Subjekt, die Objekte präsentiert werden. Hier erinnert uns der Meister, woher all diese Objekte und natürlich auch der Spiegel selbst stammen: Es sind zahllose Samen innerhalb unseres Geistes, dadurch gesät, wie wir mit anderen umgegangen sind. Wenn Du Dir das also überlegst, ist es vollkommen sinnvoll, wirkliches Yoga nicht erst mit dem dritten Glied, den körperlichen Übungen, beginnen zu lassen. Daher beginnt es dort, wo es anfangen muss: Mit dem ersten Glied, der Selbst-Kontrolle, die aus der Fürsorge für andere besteht. Du siehst, physisches Yoga kann Dir nicht einfach so helfen. Es ist leer. Es kann Dir genauso gut den Hals brechen wie es Deinen Bauch-Umfang verringern kann. Ob Yoga tatsächlich für Dich funktioniert, ob die Medizin bei Dir wirkt, ob Dein Auto heute fährt oder ob die Sonne morgen aufgeht, hängt davon ab, wie die Saat Deine Wirklichkeit bestimmt. Nichts bewirkt etwas für irgendetwas anderes. Nichts hat irgendeine Macht, etwas zu bewegen. Wenn irgendetwas überhaupt funktioniert, dann nur, weil wir uns um andere gekümmert haben. 104 DURCH DIE ERKENNTNIS LERNEN IV. 25-26 Jene, die die außerordentliche Vision erlebt haben, hören niemals auf, darüber zu meditieren, wie sich die Realität wirklich verhält. Wenn der Geist sich dann in die Unterscheidung vertieft, wird er zur vollkommenen Reinheit getragen. Vishesha darshina atma bhava bhavana vinivirttih. Tada viveka nimnam kaivalya pragbharam chittam. Zu Zeiten von Meister Patanjali hatten die Menschen noch ein anderes Verhältnis zu Büchern wie heutzutage. Heute lesen wir es einmal durch und stellen es dann weg. Vielleicht landet es auch im Müll. Damals aber glich die Beziehung zu einem inhaltlich wertvollem Buch einer Ehe. Du hast es gelesen, studiert und wahrscheinlich den größten Teil davon oder sogar alles auswendig gelernt. Du würdest es mit Dir Dein ganzes Leben herumtragen, als einen Freund oder Unterstützer. Jetzt, da Du dieses Buch gelesen hast, ist es an der Zeit, es auch zu nutzen. Es ist notwendig, dass Du, wie jeder andere Suchende auch, Dich durch die fünf Stufen arbeitest. Wahrscheinlich hast Du erst einmal eine persönliche Katastrophe, eine Scheidung, eine Krankheit oder den Verlust eines geliebten Menschen gebraucht, um überhaupt erst damit zu beginnen, Fragen zu stellen und dieses Buch in die Hand zu nehmen. Als zweites ist ein sorgsames Studium unumgänglich. Wenn möglich, dann suche nach einer “Lebens-“ Anleitung. Verbringe viel Zeit damit, über diese Samen und dem Konzept der Leerheit nachzudenken. Es ist notwendig, neue Saat zu säen, um in der Lage zu sein, das alles zu verstehen. Sei gut zu den Menschen und widme es Deinem Verstehen. Der dritte Teil besteht daraus, richtig meditieren zu lernen: Arbeite daran, die vollkommene Liebe zu erlangen und die absolute Wirklichkeit zu erkennen. Diese Meditation, die vielleicht nur zwanzig Minuten andauert, führt Dich zur vierten Stufe. Dann unterscheidest Du zwischen dem, wie die Dinge erscheinen und dem, wie Du weißt, dass sie sich davon unterscheiden. 105 DAS ENDE ALLER SAAT IV. 27-28 Entsprechend der Saat werden bestimmte Faktoren in Intervallen diesen Prozess unterwandern. Sie werden in gleicher Weise zerstört, wie es für die negativen Gedanken schon beschrieben wurde. Tach chidreshu pratyaya-antarani sanskarebhyah. Hanam esham kleshavad uktam. Wenn auch die dritte Stufe nur Minuten andauert, kann der Weg durch die vierte Stufe ein ganzes Leben oder länger benötigen. Das ist die Zeit, in der die physischen Übungen des Yoga sehr wichtig sind, um sowohl von außen nach innen, als auch von innen nach außen zu arbeiten. Du schlägst von außen auf ein verstopftes Rohr, um die Verstopfung zu lösen während Du innen zur gleichen Zeit die Bürste entlang führst. Wir arbeiten daran, den Würgegriff der Seitenkanäle zu lösen, das Missverständnis über Subjekt und Objekt, über uns und unsere Welt. An diesem Punkt besitzen wir das Werkzeug, um an unserem Lager zu arbeiten. Doch ist unsere Arbeit immer noch nicht vollkommen. Sie kann aber schon kleinere Explosionen auslösen, als ob man ein altes Minenfeld klären würde. Wir erleben unangenehme Schwierigkeiten, doch haben wir ja schon erkannt, wie es enden wird, von daher gibt es keine Verzweiflung mehr. Nehmen wir an, Du triffst auf eine wütende Person. Wie viel länger kannst Du noch mit dem gleichen Ärger reagieren, wenn Du doch weißt, dass Du sie zum einen selbst geschaffen hast und zum anderen Deine alte Reaktion genau die ist, um Dir solche unangenehmen Situationen in der Zukunft zu erhalten? Daher entschwinden zunächst die negativen Emotionen und dann, nach und nach, alle damit verbundenen Samen – zerstört einfach durch das reine Verstehen. 106 NICHT BEGLICHENE SCHULDEN IV. 29-30 Du wirst nicht mehr Deine alten Schulden zurückzahlen müssen, nicht eine einzige. Du hast die Meditation des Universums aller Belehrungen erreicht, eine Erkenntnis aller Zusammenhänge, die jenseits aller Unterscheidungen liegt. Hiermit zerstörst Du alle negativen Gedanken und alle negativen Taten. Prasankhyanepyakusidasya sarvatha-aviveka khyater dharma meghah samadhih. Tatah klesha karma nivirttih. Zuerst sprachen wir über zehn höhere Ebenen spiritueller Entwicklung. Die erste erreichen wir, wenn wir zum ersten Male auf der dritten Stufe die absolute Wirklichkeit sehen. Bis zur siebten Ebene befinden wir uns auf der vierten Stufe und nutzen, was wir über die absolute Wirklichkeit verstanden haben. Wir halten unseren Fokus auf die Unterscheidung, was real erscheint und was wirklich ist. Am Ende der vierten Stufe durchlaufen wir die sogenannten drei “reinen“ Ebenen und zerstören die letzten subtilen Samen, die uns noch beschränken: Alles, was noch mit den alten negativen Gedanken und Handlungen verbunden war. Alles, was wir je in allen Lebenszeiten falsch gemacht haben, ist für immer ausradiert. Die zehnte und letzte Ebene, das tatsächliche Ende der vierten Stufe, wird das “Universum aller Belehrungen“ genannt. Schon sind wir in der Lage, die vollkommenen Paradiese der Engel zu besuchen, die uns bis dahin auf unserem Weg betreut hatten. Nun stehen wir auf der Schwelle, selbst Milliarden von unseren Duplikaten in die Welten zu schicken, um mit allen die Belehrungen dieses kleinen Buches zu teilen. Unsere Doppelgänger tränken alles mit einem Regen voller Weisheit und erstrecken sich so unendlich weit wie die Galaxien im Universum. 107 DER SCHRITT ÜBER EINE PFÜTZE IV. 31-32 Dann seid Ihr frei vom Schleier der Unreinheit, der alles bedeckt. Wenn das Wissen grenzenlos ist, dann ist alles, was zu wissen ist, zu einer Pfütze zusammengeschrumpft. In diesem Moment haben jene, die das vollendet haben, was sie sich vorgenommen hatten, die Vollkommenheit der Qualitäten erreicht. Diese entsteht aus den Stufen der Wandlung. Tada sarva-avarana mala-apetasya jnyanasya-anantyaj jnyeyam alpam. Tatah kirta-arthanam parinama krama parisamaptir gunanam. In unserer heutigen Zeit neigen wir zu der Ansicht, mehr zu wissen als die Kulturen vor uns, denn – wir wissen ja mehr. Doch da gibt es auch noch etwas wirklich zu kennen: Zu wissen, wie es tatsächlich funktioniert. Wenn wir nur das eine wissen, dann wird die Kenntnis von dem großen Ozean aller Dinge, die es überhaupt zu wissen gibt nicht mehr sein, als ein Schritt über eine Pfütze. Bitte lasst Euch nicht vom Leben zum Narren machen oder von klein-geistigen Menschen beirren, von ewigen Zweiflern, dass Ihr nicht in der Lage wärt, tatsächlich zu Engeln zu werden, die alles sehen und alle unterstützen können. Dieses kurze Buch über Yoga hat die letzten zweitausend Jahre überlebt, weil dessen Inhalt funktioniert. Es mag sein, dass das, was Du von diesem Buch erfahren hast, in unserer Gesellschaft wenig diskutiert und erst recht nicht akzeptiert wird. Doch wenn Du es genau betrachtest, dann macht es wirklich Sinn. Dieses Denksystem kann nicht nur einen nebensächlichen Anteil Deines Lebens einnehmen. Es weist Dich auf Deine Bestimmung hin – den Grund, warum Du existierst – und jetzt liegt es an Dir, sie in die Tat umzusetzen. 108 DESHALB MÜSSEN WIR ERKENNEN IV. 33-34 Das Gegenmittel zu dem Moment ist der Schritt, in dem Du das letzte Stück der Verwandlung vollendest. Vollkommene Reinheit ist dort, wo jene, die die Leerheit durchdrungen haben, jede einzelne der edlen Qualitäten entwickeln. Auch das geschieht durch die Macht des Geistes, für jene, die in ihrer eigenen wahren Natur verweilen. Kshana pratiyogi parinama-aparanta nigrahyah kramah. Svarupa pratishtha va chiti shakter iti. Wir sehnen uns nach einem Anfang, um uns wohler zu fühlen. Was kam zuerst, das Huhn oder das Ei? Woher kam der erste Same? Ein neuer Same ensteht immer durch die Reaktion auf einen gereiften früheren Samen. Jede Person, die Dich verletzt hat, stammt von jemandem ab, den Du zuvor verletzt hast. Daher gibt es gibt keinen ersten Samen. Wir haben schon immer existiert, denn wir haben die, die uns schlagen, immer schon vorab verletzt. Es scheint, als könne dieser Kreislauf nie angehalten werden. Doch zum Glück gibt es etwas, das uns rettet: Etwas, dass wir das “spirituelle Gegenmittel“ nennen. Wenn zwei Konzepte, das eine falsch, das andere wahr, in unserem Herzen miteinander ringen, so wird die Wahrheit letztendlich immer die Oberhand behalten. Das ultimative Gegengift gegen allen Schmerz in der Welt ist die Leerheit: Dinge, die von sich heraus etwas tun, existieren nicht. Sie haben auch nie existiert. Damit müssen wir uns nicht mehr belasten. Wir brauchen auf den bösen Mann auf der Filmleinwand nicht mehr einzuschlagen. Alles funktioniert nur, weil es von uns abhängt, von unserer Saat, von der liebevollen Sorge füreinander.